Blickpunkt Berlin
Wer nur den Mangel verwaltet, ist nicht kreativ

Viele Deutsche sind fasziniert von der These, das Wachstum müsse abnehmen. Dahinter stecken die Demografie und die alte Skepsis aus den 70er-Jahren.
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Der Saal ist rappelvoll: Junge und Alte, dem Äußeren nach eine bunte soziale Mischung, nicht nur die üblichen Verdächtigen aus dem Bildungsbürgertum. Wer keinen Stuhl ergattert hat, steht oder sitzt auf der Treppe und dem Boden. Auf den Gesichtern liegt gespannte Erwartung. Es geht um ein Buch. Nein, nicht um Thilo Sarrazins Muslimopus, sondern um die "Postwachstumsgesellschaft".

Mir geht es wie Ihnen: Bei dem Wort streiken zunächst die Synapsen. Doch das Thema hinter dem klobigen Begriff bewegt mehr Menschen, als man erwarten würde: Kann Deutschland mit einer Wirtschaft ohne Wachstum existieren, wenn ja, wie?

Dieses Interesse überrascht. Wir sind froh darüber, glimpflich durch die schwere Rezession gekommen zu sein, schauen stolz darauf, dass Deutschland Wachstumslokomotive in Europa ist. Dennoch gibt es eine große Zahl von Menschen, die sich vom Wachstum abwenden: weil sie nicht mehr daran glauben, dass Wachstum die Lösung für soziale Probleme bringt, weil sie fürchten, dass "qualitatives" oder "nachhaltiges" Wachstum eine Mogelpackung ist und Ressourcen genauso verschleudert werden wie früher, oder schlicht, weil sie aus langfristigen Trends auf eine unabänderlich sinkende Expansionsrate der Wirtschaft schließen.

Teilaspekte der Wachstumskritik sind stichhaltig: Da ist beispielsweise der "Reboundeffekt": Trotz energiesparender Technik sinkt der Energieverbrauch nicht unbedingt, weil statt einer Glühlampe zig Energiesparlampen und Leuchtdioden brennen. Auch die Verteilungsfragen lösen sich nicht im Selbstlauf mit steigendem Wachstum.

Bedenklich ist aber die Grundhaltung: Die Vorstellung, eine Gesellschaft laufe zwangsläufig auf Null- oder Minuswachstum zu, oder sie müsse gar dahin gedrängt werden und lasse sich auch zentral in diese Richtung steuern. Der Mangel (an Wachstum, auch an Arbeit) sei unausweichlich und könne nur noch möglichst gerecht verteilt werden.

Diese Auffassung verkennt den Ursprung von Wachstum. Der liegt nicht in Trends oder beeinflussbaren Institutionen, sondern in Milliarden von Individuen. Menschen schaffen neues Wissen, weil sie Spaß an Kreativität haben oder ihre Lebensumstände verbessern wollen. Andere greifen das auf, machen neue Produkte oder Dienstleistungen daraus. Neugier und Spieltrieb verhindern gleichzeitig, dass aufseiten der Nachfrager die Sättigung eintritt: Wer schon ein Handy hat, greift dennoch lieber zum Smartphone.

Viele Deutsche scheinen nicht zuletzt aufgrund der Demografie mittlerweile so stark in einem Schrumpfungsdenken gefangen zu sein, dass sie sich anderes als Mangelverwaltung nicht mehr vorstellen können. Das ist gut gemeint, lenkt aber ab von der Frage, wo und wie eine Wirtschaft wachsen muss, um trotz schrumpfender Bevölkerung ihren Wohlstand zu sichern.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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