Blickpunkt Berlin
Wider einen neuen Wachstumspessimismus

Wir brauchen auch künftig Wachstum, um die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Doch in Deutschland macht sich zunehmend Pessimismus breit, sogar unter Vordenkern.
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In jüngster Zeit wird wieder intensiv über Wachstum und Wohlstand in westlichen Ländern diskutiert: Messen wir beides überhaupt richtig? Müssen wir nicht andere Dimensionen als nur die Güterproduktion einbeziehen? Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat sogar eine prominent besetzte Expertengruppe darüber beraten lassen.

Das kann nicht schaden. Manchmal wird man ja klüger. Fragwürdig wird es, wenn die Diskussion eine Schlagseite bekommt. Wenn es nicht mehr darum geht, ob wir den Wohlstand richtig erfassen, sondern ob wir uns nicht langsam von hohem Wohlstand verabschieden sollten. Es geht längst nicht mehr allein darum, ob das Bruttoinlandsprodukt alle Facetten von Wohlstand und Leistungsfähigkeit erfasst. Wachstumspessimismus macht sich wieder breit mit einer Vehemenz, wie es zuletzt in den 70er-Jahren der Fall war. Damals wurde - was wohl kein Zufall ist - auch schon ausführlich darüber debattiert, ob man nicht das BIP durch soziale Indikatoren ersetzen oder zumindest ergänzen müsse.

Vordenker der Theorie von den "Grenzen des Wachstums" war Dennis Meadows. Er ist auch der prominenteste Teilnehmer einer Konferenz, mit der Meinhard Miegel, Kurt Biedenkopf und andere kommende Woche in Berlin eine neue Denkfabrik bekanntmachen möchten. Überspitzt könnte man sagen, dass es ihnen nicht mehr um die Grenzen des Wachstums geht, sondern darum, die Bürger auf materiellen Verzicht einzustimmen und den angeblich unvermeidlichen Verlust an Wohlstand mit immateriellen Glücksquellen reinzuwaschen. In den vorbereitenden Papieren ist davon die Rede, dass "der materielle Wohlstand künftig stagnieren oder sinken" werde und es nun darum gehe, dennoch politische Stabilität zu sichern. Das klingt fast wie in Heines Wintermärchen: "Sie sang vom irdischen Jammertal, von Freuden, die bald zerronnen."

Nun hatte Meadows? Ansatz vor 40 Jahren einen vernünftigen Kern: Der Erde wurde zu viel Raubbau an Ressourcen zugemutet. Auch heute noch ist das der Fall, beim Klima. Doch haben wir inzwischen die Mittel und Techniken in der Hand, das zu ändern, mit wenig Energie und Ressourcen zu produzieren. Allerdings brauchen wir dafür mehr Wachstum. Es stellt sich sogar zwangsläufig ein, wenn wir international die neuen, schonenden Produktionsverfahren ausdehnen und rasch genug hochfahren. Wachstum ist aber auch notwendig, weil keine Volkswirtschaft es je geschafft hat, im Stillstand auf alte Prozesse und Techniken zu verzichten. Hier, in der mangelnden Wachstumsorientierung, liegt auch der blinde Fleck der schwarz-gelben Wirtschaftspolitik.

Miegel und Biedenkopf waren manchmal ihrer Zeit voraus. Auf eine verhängnisvolle Art könnten sie es wieder sein: In einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft wie der deutschen nimmt irgendwann nur noch der Pessimismus zu. Die Überzeugung, dass das Land eine bessere Zukunft hat und dieser Wandel bewusst zu gestalten ist, stirbt ab. Es bleibt, um noch mal Heine zu zitieren, "das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel".

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Blickpunkt Berlin: Wider einen neuen Wachstumspessimismus"

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  • Herr Hanke, wieso brauchen wir denn Wachstum?

  • Thomas Hanke verkennt vor allem, dass die bundesrepublik ihr Wachstum schon seit Jahrzehnten künstlich herbei-subventioniert. in der EU gilt es als normal, pro Jahr Schulden in Höhe von 3% des biP aufzunehmen. Dafür steigt das biP (in guten Zeiten) um 1% bis 2.5%. Jeder Vorstands-Chef würde für solche bilanzen gefeuert. Wir sind entzückt, wenn wir für 3 € Schulden 2 € Umsatzsteigerung erreichen. Dabei sind dann 3 % Schulden der "Normalzustand". Wenn sich die Finanzindustrie mal verdaddelt, muss der Staat in nahezu belieber Höhe Geld ins System pumpen.
    Zweite bemerkung: biP-Wachstum = Umsatzsteigerung. Die Steigerung des biP misst tatsächlich nicht die Steigerung des Wohlstandes, sondern lediglich die Zunahme der Wirtschaftsaktivität. Thomas Hanke gibt das zwar zwischen den Zeilen zu ("... richtig erfassen"), tut aber so, als sei dies nur eine Frage einer besseren Statistik.
    Wenn wir betrachten, welchen Preis wir für den Fetisch Wachstum zahlen (Schulden -> siehen oben, Raubbau bei den Rohstoffen, Luft- und Umweltverschmutzung, soziale Verwerfungen bis hin zur blanken Ausbeutung in den Entwicklungsländern, Rohstoffkriege -> Kongo, irak etc., wachsende Terrorgefahr), erzielen wir von Jahr zu Jahr eine negativere Wohlstandsbilanz.

  • Welch eine unsinnige Argumentation: "Doch haben wir inzwischen die Mittel und Techniken in der Hand, das zu ändern, mit wenig Energie und Ressourcen zu produzieren. Allerdings brauchen wir dafür mehr Wachstum." Eine stabiles Ökosystem auf Dauer heisst eben, dass es stabil ist - das heisst im Gleichgewicht. Dazu muss das (leider ja auch noch exponentielle!) Wachstum bei Rohstoff-Abbau und Schadstoff-Emission aufhören. Wenn die Menschen das nicht regeln, übernehmen das die Naturgesetze (auf recht katastrophale Weise).

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