Börsengänge
Flucht ins Risiko

Die Online-Einzelhändler Yoox und Ocado planen den Gang an die Börse. Die Geschäftsmodelle dieser beiden Überlebenden des Dotcom-Booms haben kaum etwas miteinander zu tun: Die eine Firma handelt mit Lebensmitteln, die andere mit Designer-Textilien. Aber nach zehn Jahren wollen ihre Unterstützer nun von der Rückkehr des Risikokapitals profitieren.
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Wenn jetzt wieder Erstemissionen von Internet-Unternehmen ins Gespräch kommen, dann lässt dies darauf schließen, wie weit und wie schnell das Pendel im Denken der Investoren schon wieder ausgeschlagen hat. Ocado und Yoox, zwei der bekanntesten Überlebenden des ursprünglichen Online-Booms in Europa, loten jeweils die Chancen für einen Börsengang Anfang 2010 aus. Ihre Geschäftsmodelle - die eine Firma handelt mit Lebensmitteln, die andere mit Designer-Textilien - ähneln sich kaum. Ihre Gemeinsamkeiten beschränken sich auf die Zielgruppe und einen Mangel an Rentabilität. Allerdings sprudelt in Europa hier und da auch wieder Risikokapital hervor und die Investoren könnten erneut bereit sein, sich auf diese Quellen potenziellen Wachstums zu stürzen.

Wie üblich stützen sich die Europäer auf die Vorgaben aus den USA. Dort beginnt der eingefrorene IPO-Markt langsam aufzutauen. OpenTable, ein Online-Dienst zum Reservieren von Restauranttischen, und der Anbieter von Software zum Spracherwerb, Rosetta Stone, haben im Mai ihre Erstnotiz mit einigem Erfolg hinter sich gebracht. Die Internet-Einzelhändler in Europa hoffen jetzt, so heiß begehrt zu sein, dass sie auch diesseits des Atlantik das Eis zum Schmelzen bringen können.

Gut möglich. Zum einen hat der Abschwung mehr europäische Verbraucher dazu gebracht, sich der Vorzüge der Online-Händler zu bedienen. Zum anderen drängen die Regierungen auf eine Ausweitung der Breitbandzugänge, um so das Wirtschaftswachstum zu fördern. Geschäftsinhaber verfolgen jetzt aggressiver Strategien im Internet, um ihre Margen zu unterfüttern. Bis 2025 dürften Online-Transaktionen die Hälfte der europäischen Einzelhandelsumsätze ausmachen nach derzeit zehn Prozent, schätzt OC&C Strategy Consultants.

Solche Wachstumsaussichten sind natürlich äußerst verlockend. Darüber hinaus kann der Online-Einzelhandel immer noch behaupten, Teil eines defensiven Industriezweigs zu sein. Ocado und Yoox, die beide jeweils ein Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen von rund zehn Mill. Pfund Sterling erzielen, haben zudem versucht, ihre Einnahmenströme zu streuen und eine eigene Technologie zu entwickeln. Yoox steuert und betreut zum Beispiel die Einkaufsportale für Emporio Armani und Diesel.

Die Investoren werden allerdings bereit dazu sein müssen, sich mit ihrem Geld wieder ins Wagnis zu stürzen. Ocado und Yoox machen auf der Vorsteuerebene beide Verluste. Der Wettbewerb seitens der etablierten Einzelhändler ist intensiv. Asos, ein rentabel arbeitender britischer Online-Modehändler, wird mit einem beneidenswerten 14fachen der Kernergebnisse gehandelt. Dass die beiden Börsenaspiranten solche Mega-Vielfache erzielen könnten, erscheint unrealistisch.

Die Investoren, die von Anfang an dabei waren, könnten jetzt am meisten profitieren. Ocado und Yoox feiern im kommenden Jahr beide ihr zehnjähriges Bestehen. Nach einem Jahrzehnt des Abwartens wäre es kaum verwunderlich, wenn die Unterstützer der ersten Stunde nun darauf brennen würden, dass Risiko an andere weiterzuverkaufen.

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