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GM: Die Insolvenz als kleineres Übel

GM kürzt bei Händlern, Fertigungsanlagen und Mitarbeitern, schafft Marken ab, bietet Anleiheinhabern ausschließlich Aktien an und will mit der US-Regierung die Hälfte der Kredite gegen Beteiligungskapital tauschen. Doch die Bilanz des taumelnden Autobauers könnte immer noch mit Verbindlichkeiten im zweistelligen Milliardenbereich belastet bleiben.
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Die jüngsten Sanierungsbemühungen von General Motorssehen wie der erste wirkliche Versuch einer Neuausrichtung im Sinne des Gläubigerschutzes unter Kapitel 11 der US-Insolvenzordnung aus - nur das sie niemand so nennt. Der Plan von Fritz Henderson, dem neuen Chef des schwer angeschlagenen Autobauers, sieht weiter reichende Kostenkürzungen und Markenstreichungen vor, er bietet den Anleiheinhabern die Chance, ihre Papiere gegen Aktien zu tauschen und schlägt sogar vor, dass die US-Regierung für die Hälfte ihrer Kredite Aktien erhält. Doch dies ist vielleicht immer noch nicht genug, um der Pleite zu entgehen.

Zunächst einmal würde die Umstrukturierung die meisten Gläubiger schwer in Mitleidenschaft ziehen. Dies könnte dazu führen, dass sie vielleicht eher dafür optieren, es mit einem wirklichen Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 zu versuchen. Und dabei geht es nicht notwendigerweise darum, dass die Inhaber von unbesicherten Bonds über 27,5 Mrd. Dollar nur Aktien und keinen Cash erhalten - diese Möglichkeit war schon in den vergangenen Wochen als immer wahrscheinlicher erschienen.

Es geht darum, dass die Gläubiger nur zehn Prozent an der umstrukturierten Gesellschaft erhalten würden. Dagegen würde der Trust, der zur Abdeckung der Gesundheitskosten der zu der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) gehörenden Mitarbeiter eingerichtet wurde, 39 Prozent und die US-Regierung letztendlich vielleicht mindestens die Hälfte der umgekrempelten GM besitzen. Beide Gruppen müssten im Gegenzug lediglich auf jeweils zehn Mrd. Dollar verzichten. Diese Diskrepanz könnte dazu führen, dass zu viele Bond-Inhaber den Plan ablehen - und die Führungskräfte von GM gehen davon aus, dass eine Akzeptanzrate unter 90 Prozent eine Insolvenz nach sich ziehen könnte.

Doch selbst wenn die Anleiheinhaber tatsächlich einwilligen, wäre die Bilanz von GM immer noch mit Verbindlichkeiten überfrachtet: rund sechs Mrd. Dollar an besicherten Schuldtiteln, Kredite über mindestens zehn Mrd. Dollar von der Regierung - zu denen wahrscheinlich im kommenden Jahr weitere staatliche Beihilfen kommen. Und der Autoproduzent aus Motown könnte bald auch ausländischen Regierungen zusätzliche sechs Mrd. Dollar schulden. Darüber hinaus stünde GM dann immer noch mit etwa zehn Mrd. Dollar beim UAW-Gesundheitstrust in der Kreide. Und bisher hat der Autobauer wenig bis gar nichts dafür getan, um Verbindlichkeiten über rund 14 Mrd. Dollar für die Gesundheitsversorgung abzuklären, die nicht der UAW zuzuordnen und die nicht durch Rücklagen abgesichert sind.

Sicher, die jüngste Lawine von Kostensenkungsvorschlägen ist ermutigend. Das Unternehmen will sieben Mrd. Dollar der jährlichen Fixkosten reduzieren, indem es die Marke Pontiac abschafft, weitere Mitarbeiter entlässt, mehr Fabriken schließt und mehr Händlern kündigt als im Plan vom Februar vorhergesehen. Und all dies soll auch noch schneller umgesetzt werden als in der Vergangenheit versprochen wurde.

Trotz alledem würde GM immer noch auf Verbindlichkeiten über etwa 46 Mrd. Dollar sitzen bleiben, über sehr wenig Barmittel verfügen und praktisch von der US-Regierung kontrolliert werden. Selbst GM schätzt, dass die Firma daran scheitern wird, frische Mittel zu erzielen, wenn der Autoabsatz branchenweit in den kommenden Jahren nicht bei über 15,3 Mill. Einheiten gegenüber derzeit etwa neun Millionen Stück liegen wird.

Damit verharrt GM auf absehbare Zeit in einer prekären Ausgangslage und der Wert jeglichen neuen Kapitals bleibt zweifelhaft. Einigen Gläubigern könnte die Insolvenz immer noch als das kleinere Übel erscheinen.

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