Britische Banken in der Krise
Myners Kritiker schießen übers Ziel hinaus

Die Rufe nach einem Rücktritt von Paul Myners werden immer lauter. Der britische City Minister soll gehen, weil er es zugelassen hat, dass der ehemalige RBS-Chef eine Pension über 700 000 Pfund erhält. Doch man sollte sich daran erinnern, dass Myners an diesem Schicksalswochenende im vergangenen Oktober gleichzeitig auch noch über ein Rettungsprogramm für drei Großbanken über insgesamt 37 Mrd. Pfund zu entscheiden hatte.
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Es ist Anfang Oktober, eine Freitagnacht in London. Auf den Märkten beiderseits des Atlantik herrscht Chaos. Die vorerst letzte Bank, die droht, in den Strudel gezogen zu werden, ist die Royal Bank of Scotland (RBS). Wenn du bis Montagmorgen keinen Rettungsplan hervorzaubern kannst, könnte Panik losbrechen. Von der Gefahr eines Domino-Effekts ganz zu schwiegen: HBOS wäre dann die nächste Bank, die zusammenbrechen könnte, und mit ihr würde wahrscheinlich der Übernahme-Interessent Lloyds TSB in den Abgrund rutschen. Und Barclays nicht lange danach.

Dein Chef ist beim Treffen des Internationalen Währungsfonds in Washington und versucht, die Unterstützung anderer Finanzminister für eine globale Rettung der Bankenbranche zu gewinnen. Sein Boss wiederum, der britische Premierminister, wird bald nach Paris abreisen, um einem EU-Gipfeltreffen beizuwohnen. Er hat dieselbe Mission: Er will die Gemeinschaft dazu bringen, einen internationalen Rettungsplan zu verfolgen. Es ist ja nicht nur die RBS, die abzustürzen droht. Die gesamte westliche Bankenbranche bewegt sich gefährlich nah an der Klippe.

Du machst deinen Job jetzt gerade einmal seit einer Woche. Was tust du?
Wirst du a) der RBS staatliches Kapital zuführen,
b) Geld in HBOS pumpen,
c) Lloyds zwingen, ihre Verpflichtung, HBOS zu kaufen, einzuhalten, ihr aber erlauben, die Konditionen neu auszuhandeln,
d) Lloyds mit frischem Kapital ausstatten,
e) die aufsässige Barclays dazu drängen, Mittel privat einzusammeln,
f) den RBS-Board so lange belagern, bis er sich vom Chief Executive der Bank trennt
oder wirst du g) sicher stellen, dass der scheidende RBS-Chef keine üppigen Pensionszahlungen erhält?

Die Forderungen nach einem Rücktritt von Lord Myners, dem britische City Minister, werden lauter, weil er bei dem allerletzten Punkt versagt hat. An diesem Schicksalswochenende hat Myners es nicht verhindert, dass Sir Fred Goodwin eine Jahrespension von 700 000 Pfund Sterling erhält. Myners behauptet zwar, er habe sehr wohl Fragen gestellt, aber es ist eindeutig, dass er den RBS-Chairman Sir Tom McKillop nicht vehement genug in die Zange genommen hat, um diesen unerhöhten Ruhestandszahlungen Einhalt zu gebieten. Im Besonderen war es ihm nicht gelungen, McKillop die Tatsache zu entlocken, dass ein Teil der vorgeschlagenen Pension gar nicht gezahlt werden musste.

Gut, Myners ist also nicht vollkommen. Aber die Kritiker sollten einen Sinn für die Verhältnismäßigkeit entwickeln. An dem selben Wochenende gelang ihm und zwei anderen leitenden Beamten des Finanzministeriums - John Kingman und Tom Scholar - bemerkenswerter Weise nämlich sonst fast alles. Jeder andere Punkt auf der oben genannten Liste wurde abgearbeitet. Keine dieser Aufgaben war alltäglich. Jedes dieser Vorhaben erforderte Aufmerksamkeit bis ins komplizierteste Detail; die meisten Themen mussten mit Dritten ausgehandelt werden - und zwar mit harten Bandagen. Nur wenige andere Minister wären in der Lage gewesen, das auf die Beine zu stellen, was Myners an diesem Wochenende erreicht hat. Man sollte ihn beglückwünschen, nicht feuern.

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