Bundesbank
Axel Weber gelingt der Befreiungsschlag

Die Bundesbank ist eine stolze Institution mit einer großartigen Vergangenheit, die weit über die deutschen Grenzen hinweg Anerkennung fand und noch findet.
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Fast ist es so, als ob der Verlust an Macht und Einfluss, der mit der Euro-Einführung und der Übertragung der Bundesbank-Befugnisse auf die Europäische Zentralbank einherging, nie stattgefunden hätte. Umso mehr haben die Frankfurter Währungshüter auch international unter der unsäglichen Affäre des Ende September ausgeschiedenen Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin gelitten. Mit der Ernennung des Leiters des Zentralbereichs Märkte, Joachim Nagel, zum neuen Vorstandsmitglied gelingt es dem Bundesbank-Präsidenten Axel Weber, einen Schlussstrich unter die Sarrazin-Affäre zu ziehen.

Dass er mit einem anerkannten Mann aus dem Notenbankapparat einen Neuanfang wagt, ist ein Segen. Nagel ist ein ruhig, aber dezidiert auftretender Beamter mit Humor, der bei den vielfältigen Operationen der Bundesbank mit Banken im In- wie Ausland und mit Notenbanken der ganzen Welt einen Ruf der Seriosität und Kompetenz erlangt hat. Kein von außen kommender Politiker, sondern ein "Mann von innen". Damit kann Weber aufatmen. Die politische Unabhängigkeit wird untermauert, der Sachverstand in der Führungsriege ausgebaut, die internationale Reputation schon wieder aufpoliert.

Weber stärkt so auch die Motivation der Belegschaft, denn die freut sich sehr, wenn einer aus ihren Reihen nach oben kommt. Für alle Beteiligten ist die "interne Lösung" für die Sarrazin-Nachfolge bei weitem das Beste. Auch für die Politik, die so in den Hintergrund treten kann.

Diese Lösung passt auch zur Geschichte der Notenbank. In ihren Anfangsjahren, als sie noch keineswegs eine europa- wie weltweit machtvolle Institution war, hätte niemand daran gedacht, ausgemusterte Politiker in das Direktorium zu entsenden.

Die ersten Bundesbank-Jahre waren allerdings auch nicht frei von problematischen Episoden. Der in Geldnot geratene erste Chefvolkswirt der Bank deutscher Länder, Victor Wrede, beging zu Weihnachten 1950 mit seiner Frau Selbstmord; die "Bank deutscher Länder" war der Vorläufer der Bundesbank.

Doch dann begann der Aufstieg. Wrede wurde als Chefvolkswirt und Mitglied des Direktoriums im Januar 1951 durch den legendären Eduard Wolf ersetzt, der 13 Jahre den ökonomischen Ruf der Bundesbank hartnäckig aufbaute. Nach seinem Tod im Jahr 1964 bekam seinen Posten eine weitere Bundesbank-Legende: der spätere Bundesbank-Präsident Helmut Schlesinger, der sich langsam durch den Apparat emporarbeitete. Und der Vor-Vorgänger von Schlesinger, Otmar Emminger, war auch "ein Mann von innen", der 1953 zur Bank deutscher Länder kam und 1977 das Amt des Präsidenten übernahm.

In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden aber im Zentralbankrat politische Präferenzen immer ersichtlicher. Obwohl in den letzten zwei Jahrzehnten auch gestandene Notenbank-Praktiker wie Wendelin Hartmann, Helmut Schieber und Hans-Georg Fabritius in das Direktorium beziehungsweise den Vorstand aufrückten, blieben sie im Vergleich zu den "externen" Ernennungen Ausnahmefälle.

Jetzt aber schlägt für die Bundesbank eine Schicksalsstunde, wo die Neubesetzung aus den eigenen Reihen einen entscheidenden Beitrag zur Beendigung der Führungs- und Richtungskrise leisten kann. Eine erstklassige Gelegenheit nicht nur für die Institution, sondern auch für ihren Präsidenten, einen Teil des alten Glanzes zurückzugewinnen. Ein "interner" Vorstand ist für alle Beteiligten ein Segen.

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