Chefetage
China oder die Opiumsucht einer Exportwirtschaft

Auch nach dem G20-Treffen sollte der Druck auf Peking nicht nachlassen, den Yuan aufzuwerten. Deutschlands Erfahrungen könnten dabei als Vorbild dienen.
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Als ich mich vor einiger Zeit einmal mit dem ehemaligen Thyssen-Chef Dieter Spethmann über das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg unterhielt, überraschte er mich mit einer starken These: Ebenso wichtig wie die Wiedereinführung der freien Marktwirtschaft durch Ludwig Erhard sei damals der niedrige Außenwert der D-Mark gewesen. Die Unterbewertung unserer Währung habe über 15 Jahre lang „wie eine Aufputschdroge“ für die deutsche Exportwirtschaft gewirkt.

Ähnlich verlief die Entwicklung auch in China: Als ich vor 30 Jahren das erste Mal in die Volksrepublik reiste, war von Marktwirtschaft nicht viel zu sehen. Und für einen US-Dollar bekam man offiziell lediglich 1,50 Yuan. Dann setzte Deng Xiaoping nach innen seine marktwirtschaftlichen Reformen durch – und nach außen begann die systematische Abwertung des Yuans. 1994 erreichte die chinesische Währung mit einem Wechselkurs von fast neun Yuan pro Dollar ihren niedrigsten Wert. In diesen 15 Jahren säten die Chinesen (ähnlich wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg) die Früchte, die sie heute ernten.

Auch in China wirkt der niedrige Wechselkurs wie eine Aufputschdroge für die Exportwirtschaft. Zwar betreibt die Führung in Peking seit fünf Jahren eine Politik der vorsichtigen Aufwertung ihrer Währung. Doch ihr Tempo ist keineswegs vergleichbar mit der vorangegangenen gewaltigen Abwertung zwischen 1980 und 1994. Und daran dürfte sich auch nach dem G20-Treffen in der letzten Woche nichts ändern, wenn nicht auch die Europäer wieder mehr Druck machen.

Deutschland kann dabei als historisches Vorbild für die Chinesen dienen. Nachdem unsere Exportwirtschaft erstarkt war, verkraftete sie durchaus eine schnelle Aufwertung der Mark. Von 1949 bis 1960 galt der feste Wechselkurs von 4,20 D-Mark pro Dollar. 1961 fiel der Dollar-Kurs auf 4,00 Mark, dann nach dem „Floating“ auf 3,66 Mark im Jahr 1969, um während der Weltwährungskrise bei 3,2225 Mark zu landen. 1973 waren es nur noch 2,90 Mark.

Trotzdem erinnert sich Spethmann noch heute an die „heftigen Entzugserscheinungen“ nach der Aufwertung der D-Mark. Wenn man die Entwicklung nach dem Krieg in Deutschland und die langen Linien des Yuan-Kurses vergleicht, kann man nur zu einem Schluss kommen: Die Anpassungsschmerzen in China werden eines Tages erheblich höher sein als damals in Deutschland, wenn die Chinesen stur an ihrer jetzigen Linie festhalten. Oder um in Spethmanns Bild von der Droge zu bleiben: Die deutsche Exportwirtschaft war nach dem Krieg vielleicht auf Marihuana, während die chinesische derzeit eher einem Opiumsüchtigen gleicht.

Und jedermann sollte wissen: Je länger eine Sucht anhält, umso schlimmer wird der Entzug. Es liegt also im eigenen Interesse der Chinesen, dem Beispiel Deutschlands in den 60er- und 70er-Jahren zu folgen. Die chinesische Exportwirtschaft wird es besser verkraften, als viele heute noch fürchten.

Kommentare zu " Chefetage: China oder die Opiumsucht einer Exportwirtschaft"

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  • Tja, das können sich nur die Reichen erlauben, bereits vor 30 Jahren nach China reisen.

    Für solche Tortouren braucht es immer das Nötige Kleingeld.
    Daher sind es die heutigen und damaligen Wohlstandsgesellschaftskinder die jetzt wie damals diese Reisen starten können um dort zu agieren.

    Abgesehen von der Umweltverschmutzung durch die Vielfliegerei und Autofahrerei.
    Ein einfacher Arbeiter hingegen kann und konnte in Deutschland weiterhin nicht reisen und in Urlaub fahren, so wie es immer dargestellt wurde nach aussen hin.
    Weder im Ausland noch hier. Davon abgesehen wollen viele Menschen garnicht reisen oder auf diese Art reisen, egal und unabhängig vom Einkommen. Nicht umsonst gehen viele lieber zu Fuss, was aufgrund der schlechten Luftqualität oft nicht möglich ist.

    Statt dessen überall das gleiche bild, es lief gerade wieder im ZDF/ARD: Schlägertrupps gehen aufgrund des Kapitalismus gegen die bewohner von Grund und boden vor in China. Aufgrund von großen bauten und mithilfe der baugesellschaften vertreiben Sie mit Gewalt die bevölkerung die dort lebt.
    Die Regierungen sind weltweit durchzogen mit Menschen die dies begünstigen, die Schlägertrupps der auch die Deutschen nur zu gerne gegen Geld verfallen sind. Dieser Kapitalismus der keiner ist, sondern organisierte Wirtschaftskriminalität, sehen wir es symbolisch, Putin hat diesen eingesperrt hinter Gitter.

    Und beleidigt nicht immer die Raubtiere aus der
    Natur. Die haben damit überhaupt nichts zu tuen oder es ist nicht gleichzusetzen, sich dieses mit den menschlichen Niederträchtigkeiten betitelt zu werden.

    Diejenigen die auch die Rebellen im Kongo bezahlen und den bürgerkrieg am laufen halten.

    Es kann doch nun wirklich nicht so schwer sein diese Drahtzieher alle auf den Tisch zu bringen.

    Doch selbst wenn, diese stehen dann da und lachen und werden wieder einmal hochbezahlt geschützt.

  • Dies ist eben nur die halbe Wahrheit: Die der außerhalb Chinas von aggressiven importen und billigkonkurrenz betroffenen. Die Entwickung in Deutschland während Erhards Wirtschaftswunderzeit und danach war von einer allgemeinen Partizipation an Wohlstand, Lebensqualität und Sozialstaatlichkeit der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der bundesrepublik etwa proprtional gekennzeichnet. Die Situation in China ist eine andere: Die große Mehrheit der Menschen ist und bleibt weiterhin von Armut und schlechten Lebensverhältnissen betroffen.
    in China gibt es keine entwickelte Sozialstaatlichkeit, die - wir wissen es - eine teure Angelegenheit ist. China kann zwar seine produktive Wirtschaftsleistung noch um ein Mehrfaches erhöhen, um seinen Außenhandelsüberschuß zu erhalten, aber dieser Überschuß wird eher an Grenzen stoßen, als daß die oben beschriebene Proportionalität für die breite Masse der Chinesen erreicht werden kann. Dies impliziert innere wachsende Spannungen zwischen vielen Armen und Vernachlässigten und der ökonomisch-sozial privilegierten Minderheit udn verlangt gleichzeitig eine gerechte die zügige Entwicklung einer breiten angemessenen Sozialstaatlichkeit - der Weltmarkt ist aber nur begrenzt aufnahmefähig! Eine Aufwertung des Yuan bedeutet innerchinesischer Sprengstoff und Gefahr für alle, die sich jetzt auf der Sonnenseite wähnen und von der bisherigen Entwicklung profitieren: Wenn die benachteiligten erkennen, daß das Geld, das sie nicht besitzen und prinzipielle auch nicht erlangen können (weil keine angemessen bezahlten beschäftigungsmöglichkeiten entstehen können), um ein vielfaches wertvoller ist, als bisher erlebt und vermittel, dann steigen die Spannungen zwischen Armen und Reichen unabwendbar.

    innerchinesisch wirkt eine Währungsaufwertung inflationierend und destabilisierend, das ist für die chinesische Führung und für die Wirtschaftseliten transparent und erklärt auch, weshalb die Wirtschaftseliten am herrschenden System keine Kritik üben oder vernehmbar auf Veränderungen dringen, denn sie wissen, daß der finanzielle Preis dafür von ihnen zu entrichten wäre, die "Werkbank China" würde an Attraktiviät und Profitabilität verlieren - und der blick in die USA und noch einige andere Staaten und Kulturen zeigt, wie Verlierer aussehen...
    Man darf gespannt sein, wie sich China verhalten wird und welchen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Weg das Land einschlagen wird sprich: wei ruhig diese Prozesse ablaufen werden. im Westen hat man nur die Wahl zwischen mehr Protektionsimus oder noch schnellerem Niedergang des allgemeinen Wohlstandes. Es kommt also darauf an, mit guten Produkten und Technologien den Chinesen qualitativ und quantitativ immer den berühmten "Schritt voraus" zu sein, um China selbst als Absatzmarkt und Profitquelle nutzen zu können.

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