Chefetage
Der lange Marsch zum Erfolg in Asien

In der deutschen Wirtschaft reden alle ununterbrochen von den Wachstumschancen in Fernost. Aber nicht alle schneiden so glänzend ab, wie es scheint.
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Mitte der 90er-Jahre lernte ich als Korrespondent in Tokio den damaligen Bayer-Chef Manfred Schneider kennen. Bei seinem Japan-Besuch verkündete der Vorstandsvorsitzende das Ziel, künftig ein Viertel seines Gesamtumsatzes in Asien zu erwirtschaften. Als Schneider 2002 in den Aufsichtsrat des Konzerns wechselte, peilte sein Nachfolger Werner Wenning wenig später in einem Gespräch die gleiche Marke an: 25 Prozent aus Fernost! Seit dem 1. Oktober 2010 steuert nun Marijn Dekkers den Pharma- und Chemiekonzern. Und in der letzten Woche war nun auch von ihm zu hören, dass Asien künftig deutlich mehr zum Umsatz beitragen soll.

15 Jahre nachdem Manfred Schneider die Zielmarke von 25 Prozent verkündete, macht Bayer 21 Prozent seiner Umsätze in Fernost. Und gehört damit sicherlich zu den erfolgreichsten deutschen Konzernen in der Region. BASF liegt bei 19 Prozent. Auch dort wurde vor langer Zeit einmal die Zielmarke von 25 Prozent verkündet. Und auch BASF gehört zu den besonders erfahrenen und erfolgreichen Unternehmen im Asien-Geschäft. Nur Lanxess, einst Teil des Bayer-Konzerns, erreicht mit 23 Prozent fast schon die magische Schwelle.

Viele Journalisten gehen immer noch erstaunlich unkritisch mit all den Jubelmeldungen um, die deutsche Konzerne regelmäßig über ihr Asien-Geschäft abliefern. Erstens fragen sie in den seltensten Fällen, welche Ziele sich die jeweiligen Unternehmen vor fünf oder zehn Jahren gesteckt hatten – und ob sie ihnen näher gekommen sind oder nicht. Zweitens stellen sie nur selten Konkurrenzvergleiche innerhalb einer Branche an. Und drittens beachten sie nicht die hohen allgemeinen Wachstumsraten der chinesischen, indischen oder südkoreanischen Wirtschaft.

Beispiel China: Die Wirtschaft des Riesenreichs wächst seit langem mit einer Jahresrate von acht bis zehn Prozent. Einzelne Industriezweige in dem Riesenreich kommen auf noch wesentlich höhere Zuwachsraten. Daraus folgt rein logisch: Wenn deutsche Unternehmen Wachstumsraten von fünf bis sechs Prozent in ihrem China-Geschäft melden, hört sich das auf den ersten Blick zwar äußerst erfolgreich an. In Wahrheit wachsen sie damit möglicherweise deutlich langsamer als ihr jeweiliger Markt. Man muss daher schon etwas genauer hinschauen, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

2010 ist ohnehin ein Ausreißerjahr. Weil die deutschen Exporte nach Asien im Krisenjahr 2009 zum Teil völlig zusammengebrochen waren, gibt es jetzt fantastische Zuwachsraten zu vermelden. Bayer verzeichnet für die ersten drei Quartale dieses Jahres beispielsweise ein Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr, BASF gar von 47 Prozent.

Über den langfristigen Trend sagt das aber natürlich noch gar nichts. Wir sollten die großen Fortschritte, die viele deutsche Unternehmen in Asien erzielen, nicht herunterreden. Aber wir sollten uns auch nicht selbst in die Tasche lügen.

Kommentare zu " Chefetage: Der lange Marsch zum Erfolg in Asien"

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  • ich habe Sie waehrend ihrer Zeit in Tokyo schon als Journalist geschaetzt und ihrem Kommentar kann ich nur zustimmen. Prozentwachstum ohne Kontext- und Margenbetrachtung sagt wenig aus. Wichtig ist auch die relative Position im Vergleich des Prozentualen Umsatzes in einem Land als Anteil des Weltumsatzes verglichem mit dem jeweiligen bSP. Ein Umsatz von 1% vom Weltumsatz z.b. in meinem Markt Japan kann angesichts eines 8% Anteil Japans am Welt bSP nicht befriedigen und es ist zu hinterfragen ob man es richtig anstellt.

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