Chefetage
Die fatalen Nebenwirkungen der Euro-Therapie

Alle fordern mehr wirtschaftspolitische Abstimmung in Europa. Aber jeder versteht darunter etwas anderes. Außerdem fragt sich, wo am Ende die Demokratie bleibt.
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Beruhigungsmittel erzeugen in der Regel Nebenwirkungen. Vom Valium wissen wir etwa, dass es zur Muskelerschlaffung und gar zur geistigen Verwirrung bei den Patienten führen kann. In der jetzigen Euro-Krise gilt leider das Gleiche für viele Maßnahmen, mit denen die Politiker die Finanzmärkte beruhigen möchten. Wir sollten nicht nur die unmittelbaren Folgen der Therapie bedenken, sondern auch ihre Nebeneffekte.

So herrscht beispielsweise weitestgehende Übereinstimmung in Europa, dass wir eine stärkere Abstimmung der nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken brauchen. Doch jeder versteht darunter bisher etwas anderes. So rufen beispielsweise Hochsteuerländer wie Deutschland bevorzugt nach mehr Koordinierung, um Niedrigsteuerländer wie Irland endlich auf ihr eigenes Abgabeniveau zu bringen – und damit einen lästigen Wettbewerbsfaktor auszuschalten. Oder wenn die Franzosen von einer abgestimmten Rentenpolitik in Europa reden, dann möchten sie Deutschland gern zur Abkehr von der Spätpensionierung mit 67 bewegen – um den Druck auf ihre eigenen Alterssicherungssysteme etwas zu mildern.

Allgemein gesagt kann eine falsch verstandene „Koordinierung“ der nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken zu zwei großen Problemen führen – einem ökonomischen und einem politischen. Ökonomisch droht eine Angleichung an den jeweils bequemsten politischen Nenner – also an die höchsten Steuersätze, komfortabelsten Sozialhilferegeln und den frühestmöglichen Renteneintritt. In der Folge dieser Vereinheitlichung würden zwar die Spannungen innerhalb Europas erheblich abnehmen. Die Union als Ganzes verlöre jedoch an Wettbewerbsfähigkeit. Oder, um im medizinischen Bild zu bleiben: Der Patient Europa fühlte sich zwar wieder pudelwohl, aber wäre leider nicht mehr arbeitsfähig.

Die zweite große Gefahr ist grundsätzlich-politischer Art: Wie verhindern wir, dass wir ein noch größeres Demokratiedefizit in Europa bekommen? Die „verstärkte Abstimmung“ dürfte die Rolle der Ministerräte weiter aufwerten. Umgekehrt verlieren die nationalen Volksvertretungen noch weiter an Macht – und das Europäische Parlament vermutlich auch. Ohne eine wirkliche europäische Öffentlichkeit sinken außerdem die Kontrollmöglichkeiten der Bürger weiter.

Sprechen diese Einwände grundsätzlich gegen bessere wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung? Nein. Aber wir sollten solche Vorschläge ganz nüchtern betrachten und uns über ihre wahrscheinlichen Nebenwirkungen Klarheit verschaffen. Als Bürger sollten wir von unseren Politikern nicht nur ein Rezept gegen die Verschuldungskrise in Europa fordern, sondern dazu einen ordentlichen Beipackzettel. Denn auch in der Politik gilt die Maxime des Paracelsus: „All Ding sind Gift und nichts ohn' Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift.“

Kommentare zu " Chefetage: Die fatalen Nebenwirkungen der Euro-Therapie"

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  • beim EURO halten lauern gefahren...
    Was hat Angie gesagt: "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt."
    Das heisst auf Gut Deutsch ich muss euch einiges weg nehmen. Das geht durch inflation und Steuern. Das sind noch die besseren Tage.
    Der Kampf um den Euro ist als eine Schupserei der Taschentrickdiebe zu sehen, während sie hinschauen, nimmt der dritte ihnen den Geldbeutel ab (der auf dem Rollstuhl) .
    Die Polizei warnt das Juncker, Merkel, Schäuble und Co. schon Kriminell auffällig geworden sind.
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    So funktioniert das System und nicht umgekehrt:
    • Die Finanzpolitik des Wohlfahrtstaates macht es erforderlich, dass es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen. Dies ist das schäbige Geheimnis, dass hinter der Verteufelung des Goldes durch die Vertreter des Wohlfahrtstaates steht. Staatsverschuldung ist einfach ein Mechanismus für die "versteckte" Einteignung von Vermögen. Gold verhindert diesen heimtückischen Prozess. Es beschützt Eigentumsrechte.
    Wenn man das einmal verstanden hat, ist es nicht mehr schwer zu verstehen, warum die befürworter des Wohlfahrtstaates gegen den Goldstandard sind. (Allan Greenspan 1966 Gold und Wirtschaftliche Freiheit)
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    Die Rechnung ist einfach:
    in den folgenden Wochen nach der Lehman Pleite wurde die US Dollar Geldbasis verdoppelt. Dies hat zu massiven Preissteigerungen in Rohstoffen geführt was noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Euro hat gegen dem miserablen Dollar bis zu %20 an Wert verloren.
    Die wirtschaftliche Erfahrung zeigt dass die inflation die durch Geldmengenerweiterung kommt in drei Jahren in die Märkte durchschlägt. Dass heisst dieses Jahr gehen die Rohstoffkosten Deutschland bis zu %50 hoch im Vergleich zu 2008. Die import explosion von 2010 um %33 sind nur vorboten dieser Walze. Geht in Gold und Silber !!
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    Wir sind wie ein Alkoholkranker. Der bekommt qualvolle Entzugserscheinungen, wenn man ihm den Alkohol entzieht. Würden die Zentralbanken die Zinsen stark erhöhen und die Geldschöpfung plötzlich bremsen, würde es uns ähnlich ergehen. Das System würde kollabieren. Deshalb sieht sich die Zentralbank gezwungen, immer mehr Geld bereitzustellen. Das aber macht das System noch krisenanfälliger. Ein Teufelskreis. Es werden sich weitere blasen bilden, die irgendwann platzen und großen Schaden anrichten.Uns muss klar sein, dass viele Werte am Finanzmarkt fiktiv sind. Es sind Luftbuchungen, die an den Märkten gehandelt werden, die aber keinen realen Gegenwert besitzen. Wenn das Geld plötzlich weg ist, staunen die Leute: Wer hat denn jetzt mein Geld? Die Antwort ist: niemand. Es war ja nie wirklich da.

  • Ja, wo bleibt die Demokratie, bzw. ist die EU demokratisch legitimiert? Wer kontrolliert denn die EU-Kommissionen eigentlich und besonders den Herrn barroso? Hier findet doch eine poltische Enteignung der bürger Europas statt wenn eine nicht von den bürgern gewählte EU diesen ihre Rechte entzieht. Der Euro ist nur Nebekriegsschauplatz und nicht für immer gedacht.

  • Zisemers beitrag legt wohl den Finger in die Wunde, aber man kann es noch deutlicher sagen: Nicht etwa, daß alle ihr bestmögliches tun wollen, den Euro zu retten und ein gerechtes und modernes Gemeinschafts-Europa zu schaffen - nein - die Ratten geben sich alle Mühe, neue Löcher zu finden und zu scharren, um ihren Hunger am fremden Getreide zu stillen: inzwischen geht es darum, die Krise zu nutzen, die eigenen Probleme den Nachbarn mit aufzuhalsen und sich selbst mehr Luft zu verschaffen! Der Schreihals Juncker ist seit einigen Wochen ganz still, die Euro-Köche haben sich an die eigenen Herde zurückgezogen, die Griechen basteln Molotow-Cocktails und ölen ihre illegalen Waffenbeständen aus der bürgerkriegszeit, die iren packen die Koffer, das ist die Lage! Und dann wirds demnächst knapp beim Obama: Und davor zittern nun alle! Auch bei vielen Großbanken modern Massen von Kredit-Leichen in den büchern, keine guten Aussichten, da ist es doch besser, jeder kocht sein dürftiges Süppchen und hält das eigene Volk und die EU-"Partner" im Ungewissen - eine feine Gesellschaft, in der auf Kosten der bevölkerungen weitergepokert wird, bis es nicht mehr geht.

    @ Hochfinanzsklaven :

    Man kann es auch so sagen:

    Nicht Staat, Politiker und banken haften für das Geldvermögen der bürgern, sondern der steuerzahlende bürger haftet für die Verbindlichkeiten, die Staat, Politiker und banken angehäuft haben, ohne vom Gläubiger legal autorisiert zu sein! Die Mehrzahl der bürger hat noch nicht begriffen, wie ernst die Lage ist und daß der noch vorhandenen relative Wohlstand sich mehr und mehr per Abgabenerhöhung oder inflation in Luft auflösen wird.

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