Chefetage
Die selektive Erinnerung der westdeutschen Linken

Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung war viel selbstgerechte Kritik an Helmut Kohl zu lesen. Gedächtnisschwund grassiert.
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Die deutsche Linke tut sich nach wie vor schwer damit, die historische Rolle von Helmut Kohl zu würdigen. Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung waren viele extrem selbstgerechte Kommentare zu lesen. Das Argumentationsmuster funktioniert ungefähr so: mag ja sein, dass Kohl 1989/90 die Wiedervereinigung in den Verhandlungen mit den vier Mächten ganz geschickt durchgeboxt hat. Aber der Bundeskanzler war auch dafür verantwortlich, dass die Industrie der ehemaligen DDR nach der Wende ruiniert und die sozialen Errungenschaften im anderen Teil Deutschlands plattgewalzt wurden.

Natürlich sind uns einige wirtschaftspolitische Weichenstellungen der Ära Kohl ziemlich teuer gekommen. Man kann die schnelle Einführung der Mark und den irrealen Umtauschkurs immer noch mit vielen ökonomischen Argumenten kritisieren. Ob ein anderer Weg am Ende deutlich bessere Ergebnisse gebracht hätte, darüber kann man trefflich streiten. Aber letztlich ändert die Beantwortung dieser Frage kein Jota an den historischen Verdiensten Kohls. Im Gegenteil: Die geschichtliche Größe eines Staatsmanns zeigt sich vor allem in seiner Fähigkeit, sich ganz auf die entscheidende Frage zu konzentrieren und alle Nebensächlichkeiten beiseitezuschieben. Kohl lag historisch richtig, machte aber einige Fehler. Die deutsche Linke dagegen lag historisch falsch, selbst wenn sie mit einigen kleineren Kritikpunkten recht gehabt haben sollte. Offensichtlich funktioniert die Erinnerung der linksliberalen Öffentlichkeit erstaunlich selektiv.

Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine und mit ihm die überwältigende Mehrheit der sogenannten Enkel-Generation in der SPD waren 1989/90 auf dem völlig falschen Dampfer. Von der PDS ganz zu schweigen. Nur Willy Brandt und einige Altvordere retteten damals mit Mühe die Ehre der Sozialdemokratie.

Haben alle schon den ganzen Unsinn vergessen, den Lafontaine und seine Anhänger in den entscheidenden Monaten verbreiteten? Erst forderte der damalige SPD-Politiker zusätzliche Wirtschaftshilfen, um die DDR zu stabilisieren. Noch im November 1989 wollte er die Übersiedlung von Ostdeutschen in die Bundesrepublik administrativ begrenzen. Im Dezember warnte er unter dem großen Beifall seiner Genossen vor "nationaler Besoffenheit". Lafontaine sperrte sich vehement gegen die Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands in der Nato. Und im Sommer 1990 stimmte das Saarland unter seiner Führung als einziges Bundesland gegen die Währungsunion.

Wer historisch so neben der Spur lag wie Lafontaine, sollte sich heute nicht damit brüsten, er habe ja mit einigen seiner wirtschaftspolitischen Prophezeiungen vor 20 Jahren recht behalten. Neben Kohl war der Saarländer damals nicht mehr als ein politischer Pygmäe, dessen Einschätzungen in späteren Geschichtsbüchern nicht einmal eine Fußnote rechtfertigen.

Kommentare zu " Chefetage: Die selektive Erinnerung der westdeutschen Linken"

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  • Helmut Kohls größter und nachhaltigster Verdienst ist und bleibt der durch ihn eigeleitete und heute nicht mehr abwendbare Ruin der Rentenkasse. Dank seines Machthungers wurden die Probleme mit den 'artfremden' Leistungen in die Rentenkasse und auf die heutige Generation verschoben. Was Generationen für den Aufbau einer Altersicherung erkämpft haben, wurde als Chefsache deklariert und einfach ignoriert.
    Was hat N. blüm immer gebetet: Haltet mir die artfremden Leistungen aus der Rentenkasse!
    Vielen Dank Helmut Kohl!
    Schönen Tag noch.

  • Der Kommentar ist eine Peinlichkeit.

    Es geht hier nicht um eine "bisschen" teure Weichenstellung, sondern es geht um die Milliarden, die der "Aufbau Ost" kostet. Es geht um die Deindustrialisierung des Ostens, dem Entzug der eigenständigen Lebensfähigkeit über Generationen hinweg.
    Das ist keine Kleckerkram, sondern die wirtschaftliche basis eines nicht unbedeutenden Teils von Deutschland. Mit ein wenig wirtschaftlichen Sachverstand weiß man, daß fast jeder andere Weg besser gewesen wäre. Die Geschichte wäre nicht weggelaufen und das Scheckbuch des Staatshaushaltes hätte jeder zücken können.
    Es geht auch um die unlautere Spendenpraxis der CDU unter seiner Regentschaft, die die basis derdemokratischen Grundordnung in diesem Land angegriffen hat.

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