Chefetage
Modell Deutschland: Renaissance oder Rückfall?

Ein politischer Begriff aus den siebziger Jahren kehrt mit Macht zurück. Doch wir sollten vorsichtig mit ihm umgehen und nicht in alte Illusionen verfallen.
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Alle reden vom Modell Deutschland. In der letzten Woche war ich bei einer Diskussionsrunde mit der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die sich über weite Strecken um diesen Begriff drehte. In der Woche davor fiel er mehrmals auf einer Tagung des Bankenverbandes. Politiker, Industriekapitäne und Gewerkschafter gebrauchen ihn unisono. Und auch in die Medien drängt er zurück.

Hinter der Renaissance dieses Begriffs steht der berechtigte Stolz auf die schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr. Die starke Exportkraft unserer Industrien bringt Deutschland schneller aus dem Konjunkturtal als alle unsere Nachbarländer. Die Krise der letzten beiden Jahre zeigte zugleich die Anfälligkeit des angelsächsischen Finanzkapitalismus. So weit, so gut.

Wir sollten uns aber davor hüten, mit dem Begriff Modell Deutschland in die Illusionen der 70er-Jahre zurückzufallen - und in die nationale Überheblichkeit, die damals in dem Begriff mitschwang. Erinnern wir uns: Die SPD und ihr damaliger Bundeskanzler Helmut Schmidt zogen 1976 mit diesem Slogan in den Wahlkampf, um nach der gerade erst überwundenen Erdölkrise einen weiteren Ausbau des deutschen Sozialstaats zu propagieren. In ausländischen Ohren klang die Parole nach dem nationalen Alleingang eines Politikers, der sich damals (anders als heute) keineswegs internationaler Sympathien erfreute. Die Franzosen kanzelten Schmidt als "Le Feldwebel" ab, die Angelsachsen machten sich über den "Weltökonomen" lustig.

Auch damals schon waren die Deutschen zutiefst davon überzeugt, sie hätten die besseren Rezepte gegen Wirtschaftskrisen als der Rest der Welt. Doch in den 80er- und 90er-Jahren mussten sie erleben, dass viele eigentlich notwendige Reformen in der Inbrunst der eigenen Überzeugung unterblieben waren.

Heute sollten wir deshalb drei Dinge nicht vergessen: Gerade weil wir so stark vom Export abhängig sind, kann es uns auf Dauer nicht gutgehen, wenn es unseren Nachbarn schlechtgeht. Weil immer noch 60 Prozent unserer Ausfuhren in die Europäische Union gehen, sollten wir alles unterlassen, was zu ihrer Destabilisierung beitragen könnte. Und: Zu einer weltoffenen Wirtschaft passt kein neuer Wilhelminismus ("Am deutschen Wesen soll die Welt genesen"). Gegenwärtig hat man nicht immer den Eindruck, dass die Regierung Merkel diese drei Grundsätze auch wirklich beherzigt.

Zum Modell Deutschland gehört übrigens eine kleine Fußnote der Geschichte: Schmidt konnte seine Kanzlerschaft 1976 mit dem Slogan zwar noch einmal retten. Aber die SPD verlor 3,2 Prozentpunkte, die CDU/CSU zog an ihr vorbei und ein junger Mann namens Helmut Kohl nahm im Bundestag erstmals als Oppositionsführer Platz. Der Wahlkampf markierte den Anfang vom langen Ende der Regierung Schmidt.

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  • Zitat Ziesemer: "Heute sollten wir deshalb drei Dinge nicht vergessen: Gerade weil wir so stark vom Export abhängig sind, kann es uns auf Dauer nicht gutgehen, wenn es unseren Nachbarn schlechtgeht. Weil immer noch 60 Prozent unserer Ausfuhren in die Europäische Union gehen, sollten wir alles unterlassen, was zu ihrer Destabilisierung beitragen könnte."
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    Aber genau das hat der Euro doch erst verursacht. Den PiiGS-Pleitestaaten geht es heute schlecht. Der iMF und die EU fordert harte Sparmassnahmen ein, welche zum größten Teil wieder die Normalbevölkerung trifft und für Unruhen und Aufruhr sorgt.
    Diese betroffenen Pleiteländer haben durch den Euro nicht mehr die Möglichkeit, ihre bisherigen nationalen Währungen abzuwerten und sich dadurch schnell zu entschulden. Unser bisheriges deutsches Export-Geschäftsmodell bestand darin, hochwertige deutsche industrieprodukte gegen Lehmann-brothers und PiGGS-Staatsanleihen einzutauschen. Wir haben sozusagen unsere Produkte verschenkt (durch die Pleiten), um uns dann gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und uns als Export-Vizeweltmeister selbst zu feiern. Das ist doch Wahnsinn!
    Die Politik rettet mit dem gespannten EU-Rettungsschirm in Höhe von 750 Milliarden Euro doch nicht die PiiGS-Staaten, sondern sie retten deutsche und französische banken vor der Pleite.
    Genau diejenigen, die durch ihre verfehlte Wirtschafts-, Steuer-, Sozial-, Arbeitsmarkt- und Ausgabenpolitik für dieses EU-Desater vorrangig verantwortlich zeichnen, versuchen jetzt durch Milliarden Steuerzahlergeld ihre nicht vom volkssouverän legitimierte Währung und den EU-beamten-Moloch zu retten, was aber zweifelsfrei nicht gelingen wird. Die EU wurde mit der Rettung Griechenlands zur Transferunion, und somit der undemokratisch ohne Volksentscheid legitimierte Vertrag von Lissabon zur reinen Farce. Für mich ist Europa zum "Metropolis" des 21. Jahrhunderts verkommen.
    Das sind doch die Wahrheiten, welche nie kommentiert werden.


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