Chefetage
Wie man seinen liberalen Flügel verliert

Die Union verschreckt mit ihrer Gespensterdebatte über die Zuwanderung einen Teil ihrer Kernwähler. Dabei müssten wir die besten Köpfe für Deutschland gewinnen.
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Angela Merkel betont bei jeder passenden Gelegenheit, die Union stütze sich auf drei geistige Strömungen: die christlich-soziale, die konservative sowie die liberale. Wenn man die gegenwärtige Geisterdebatte über die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen verfolgt, muss man zu dem Ergebnis kommen: CDU und vor allem CSU sind auf dem besten Wege, ihre freiheitliche Gefolgschaft zu verprellen.

Neben Horst Seehofer, dem Irrlicht aus dem Süden, positionieren sich nun auch einige CDU-Granden als Kritiker einer liberalen Einwanderungspolitik. Der neue hessische Ministerpräsident Volker Bouffier demonstrierte dabei in der vergangenen Woche seine besondere ökonomische Inkompetenz. Die Politik dürfe auf keinen Fall versuchen, die demografischen Probleme Deutschlands durch Einwanderung zu lösen, erklärte der CDU-Politiker in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ja wie denn sonst? Die nicht geborenen Kinder deutscher Familien kann niemand mehr herbeizaubern. Aktiv beeinflussen können wir allein die Zuwanderung.

Nicht einmal rechnen kann Bouffier. In seinem Interview orakelte er: "Stellen Sie sich vor, nach Wiesbaden kämen jedes Jahr 10 000 neue Einwanderer. Wo sollen die wohnen?" Man kann den Ministerpräsidenten mit einer einfachen Modellrechnung beruhigen: In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, in Wiesbaden 277 000. Das entspricht einem Anteil von rund 0,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Die Bundesregierung unterstellt gegenwärtig in ihren Prognosen eine jährliche Zuwanderung von 200 000 (die allerdings nicht erreicht wird). Auf Wiesbaden entfallen danach rechnerisch gerade einmal 600 Einwanderer pro Jahr. Um Bouffiers fantastische Zahl von 10 000 in Wiesbaden zu erreichen, müssten also gut und gerne zwei bis drei Millionen Menschen pro Jahr zu uns kommen. Das ist utopisch.

Bouffiers Zahlenspiele sind leider typisch für die Diskussionskultur à la Seehofer. Es geht dabei nicht um die notwendige Auseinandersetzung über die Frage, wie eine realistische und illusionslose Politik zur Steuerung der Einwanderung aussehen könnte. Es geht allein um den Punktgewinn in gewissen Bevölkerungsschichten, mit denen die Liberalen in- und außerhalb der Union nichts zu tun haben möchten. Eigentlich brauchen wir eine Debatte darüber, wie wir die besten Köpfe nach Deutschland holen können. Bekommen haben wir wieder einmal eine Diskussion, wie man die Schotten bei uns möglichst noch dichter macht.

Fremder Kulturkreis? Viele Iraner beispielsweise, die in Deutschland leben, arbeiten als Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler. Ihre Kinder gehören zu den besten Schülern der Gymnasien. Die Bürger Wiesbadens könnten sich glücklich schätzen, wenn es mehr solcher Einwanderer zu ihnen verschlagen sollte.

Kommentare zu " Chefetage: Wie man seinen liberalen Flügel verliert"

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  • in zeiten von web 2.0, globalisierter wirtschaft und nahezu freiem internationalem kapitalverkehr die nationale keule wieder zu schwingen, ist nicht nur kurzsichtig und verantwortungslos gegenüber unserer gesellschaft, sondern einfach nur ewig gestrig und saublöd. dabei könnte sich deutschland doch problemlos als reizvolles einwanderungsland präsentieren. öffentliche sicherheit, ein hohes maß an lebensqualität und die aussicht auf herausfordernde tätigkeiten bei international erfolgreichen und renommierten unternehmen findet man nicht so einfach überall. aber angesichts einer im internationalen vergleich eher mittelprächtigen entlohnung, einer alles andere als dynamisch verlaufenden entwicklung der realeinkommen in den letzten 15 jahren und einer zukünftig weiterhin steigenden belastung der arbeitseinkommen mit abgaben ist im internationalen wettbewerb um high potentials gegenüber konkurrenten wie der schweiz, österreich, benelux, skandinavien, london, ny oder singapur kein stich zu machen. wenn dazu noch von prominenter stelle in der öffentlichkeit eine willkommenskultur gepflegt wird, die sich in platten floskeln wie "multikulti ist gescheitert" äußert, darf man sich als arbeitgeber zukünftig nicht beschweren, wenn die verhandlungsmacht in lohnverhandlungen zunehmend eingeschränkt wird. für diesen satz wird man frau merkel daher noch sehr lange dankbar sein...

  • Ach, edler Herr Ziesemer, vormals Chefredakteur etc.
    Kommen Sie doch aus ihrem Villenviertel heraus und von ihrer ideologischem Gutmenschenillusion herunter und öffnen Sie die Augen. Klar gibt es den einen oder anderen iranischen Arzt, doch auf jeden solchen kommen hier hunderte hartzender Moslems mit nix Schule. Und auch Null bock drauf oder gar arbeiten.

  • @Peter Scholz
    danke für das nette Kompliment

    @JSautter
    Sie haben meinen beitrag wohl nicht richtig verstanden.
    ich habe nichts gegen Zuwanderung, so wie ich ja auch schrieb. Aber das derzeitige Geschrei nach massenhafter Zuwanderung weil angeblich Fachkräfte fehlen, ist verlogen.
    Es dient lediglich der weiteren Lohndrückerei.
    Sachschen will ja nun das Eingangsgehalt von 66.000 auf 40.000 € herabsetzen für Zuwanderer.
    Das heißt im Klartext aber, dass ein hiesiger ing, Wissenschaftler etc. nur noch Arbeit angeboten bekommt, die unter 40.000 € liegen.
    Ergo gehen weiterhin Deutsche weg aus diesem Land.
    Wenn ein Studium sich nicht mehr lohnt, weil es sich auch finanziell anschließend nicht mehr auszahlt, stimmt etwas nicht.
    Und ein ing. aus dem Ausland wird hier kaum für 40.000 € arbeiten, der hat dann Netto nicht mal 1.600 €, der zieht gleich weiter.
    Also kann es so schlimm mit dem Fachkräftemangeel nicht sein, wenn schon für angeblicher Hochqualifizierte aus dem Ausland die Gehälter nach unten gehen.
    Mal z. b. ich habe kein Studium, wohl aber eine sehr fundierte Fachschulausbildung und versteuere schon etwas mehr als 45.000 €.
    Mein Sohn hat Studium mit Prädikatsabschluß und fängt jetzt an für 70.000 € und so muß es sein.
    Er hat Göück gehabt, ich weiß.
    Ausbildungen müssen sich lohnen, sonst brauche wir keine.
    Wenn ein Assistenzartz im Klinikum nicht mehr verdient als eine ganz normale Angestellte bei der Krankenkasse muß man sich fragen wofür er ein schweres Studium hngelegt hat und in seinem Job eine hohe Verantwortung hat.
    Es wird Zeit, dass das alles wieder in normakle bahnen kommt, denn in unsrem Land haben sich die Gehaltskoordinaten enorm nach unten verschoben.
    Wobei aber auch die bürgr wieder begreifen müssen, dass man als einfache Kassiererin z. b.nicht die Anspüche stellen kann, wie der Abteilungsleiter.
    Und auch ich, obwohl sehr gut verdienend, kann nicht die Ansprüche stellen wie mein Anwalt.
    Wir sind mit diesen Abstufungen, die es überall gibt, immer gut gefahren ohne Neiddiskussionen und da müssen wir wieder hin
    Eine Mexikoreise zu buchen, auf diese idee wäre eine Verkäuferin/bürohilfe etc. vor 30 Jahren nicht gekommen, heute benehmen sich viele Menschen als würde ihnen ihre Fernreise per Gesetz zustehen, müssen sie aber mal 10 € für ein Schulbuch hinlegen rufen sie nach dem Staat.
    Hier gebe ich sogar Westerwelle Recht, wenn er Eigenverantwortung anmahnt
    Schon früher konnten nicht alle Eltern ihre Kinder z. b. mal nach England schicken für eine Weile zum Sprachen elernen, das war so und führte nicht zu Neid.
    ich konnte es mir leisten und wurde dafür dumm angemacht, nach dem Motto muß das denn sein, andere könnten das nicht.
    Gleichmacherei aber nützt niemanden, dann hätten wir Sozialismus, allerdings Arroganz auch nicht.
    Kinder deren Eltern nicht so viel haben, kann man anders mit einbinden, ich habe das immer getan.
    Und auch da muß diese Gesellschaft wieder hin. Wo ist das Problem wenn Reiche und Gutverdiener mal in der Schule jeden Monat einen gewissen betrag in die Klassenkasse tun und damit könnte man das Essen bezahlen, für die, die es nicht haben? Und evtl. sogar die Klassenfahrt.
    Das sollte selbstverständlich sein und nicht mit Gutscheinen oder so einem Kram Kinder ausgrenzen.
    umdenken auf allen Ebenen ist gefragt
    Diese Mißstände müssen beseitigt werden
    Und dazu gehört, dass das Geschrei nach noch mehr Zuwanderung jetzt ganz sicher nicht zielführend ist.
    Kindergeld für besserverdiener und Reiche gehört z. b. komplett abgeschafft
    Unser Staat muß endich lernen mit Geld richtig umzugehen, aber auch die Firmen an die Leine legen, die glauben, nur mit Lohndrückerei ihre Taschen zu füllen.
    Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht die Menschen für die Wirtschaft.

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