China und der Westen
YouTube bleibt an der Chinesischen Mauer hängen

China will mit dem Rest der Welt Umgang pflegen, aber nach seinen eigenen Bedingungen. Die erneute Blockade des Online-Videoportals YouTube verdeutlicht dies. Das G20-Treffen in der kommenden Woche verspricht äußerst spannend zu werden.
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Zwischen China und den USA will sich einfach keine richtige Verbindung mehr aufbauen. Der Zugriff auf YouTube, das amerikanische Online-Videoportal, ist im Reich der Mitte blockiert worden. Ein paar Tage zuvor konnten auf der Website interessierte Betrachter noch weltweit ein Video aufrufen, das angeblich zeigen soll, wie ein Protestierender in Tibet von der Polizei erschlagen wird. Es scheint, dass die freien Medien, genau so wie die Idee des freien Markts, zu den heiligen Kühen des Westens gehören, auf die China verzichten kann.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Internet an der Großen Mauer Chinas hängen geblieben ist. Google, der Eigentümer von YouTube, wurde Berichten zufolge in der Vergangenheit ebenfalls gesperrt, genau so wie Yahoo, Facebook und der Web-Auftritt der "New York Times". In den meisten Fällen, so auch beim jüngsten, behaupteten chinesische Regierungsvertreter, keine Kenntnis von einer vorsätzlichen Zensur zu haben.

Die Wahl des Zeitpunkts ist allerdings besonders heikel. Vor fünfzig Jahren hat Peking die Kontrolle über Tibet übernommen. Der Jahrestag könnte soziale Unruhen auslösen, was die chinesischen Behörden mit aller Macht verhindern wollen. Zudem wird Chinas Präsident Hu Jintao in nur wenigen Tagen 19 weitere Spitzenpolitiker der Welt treffen - während des G20-Gipfels in London, auf dem die internationale Zusammenarbeit in Szene gesetzt werden soll.

Doch die Reibereien nehmen zu. Der chinesische Regierungschef Wen Jiabao hat spitze Bemerkungen über die verschwenderische Ausgabenpraxis anderer Nationen fallen lassen und laut über eine Abwertung des Dollar nachgedacht. Coca-Cola wurde ohne triftigen Grund am Kauf eines chinesischen Fruchtsaftherstellers gehindert. Der Gouverneur der chinesischen Zentralbank hat sogar vorgeschlagen, den Dollar als de facto-Leitwährung der Welt abzulösen und damit Uncle Sam eine weitere Ohrfeige verpasst.

Zensur, Protektionismus und Kritik mögen im Westen für etwas Stirnrunzeln sorgen - mehr aber auch nicht. Denn im großen globalen Ungleichgewicht ist China der Kapitalgeber und Amerika der Kreditnehmer. China braucht den Rest der Welt immer noch, aber das Land kann immer stärker die Bedingungen diktieren - online oder off.

Dieses Machtspiel wird sich kommende Woche, wenn sich in London die erste Politikerriege der G20 trifft, drohend ins Blickfeld schieben. Das falsche Lächeln auf den Gesichtern der Beteiligten auszumachen, wird äußerst spannend werden - natürlich nur für die, die überhaupt zusehen dürfen.

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