Chinesische Banken
Wie China 300 Mrd. Dollar (beinahe) verschwinden ließ

Chinas Bankbilanzen wurden vor einigen Jahren entlastet, indem Schulden palettenweise in Strohfirmen ausgelagert wurden. Die Bonds, die sie dafür im Gegenzug hereinnahmen, sind so gut wie wertlos. Chinas schnelles Wachstum und der politischer Wille sorgen dafür, dass die riesigen Verluste im Verborgenen bleiben. Ein Balanceakt, der seine Tücken hat.
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Wirtschaftskrise hin oder her, die chinesischen Kreditinstitute befinden sich in guter Verfassung. Die großen börsennotierten Banken des Landes - Industrial Commercial Bank of China (ICBC), Bank of China und China Construction Bank (CCB) - präsentierten alle Halbjahresbilanzen, die durch beneidenswert wenige schlechte Kredite belastet waren. Der Dank gebührt Chinas schnellem Wachstum - und einem verblüffenden 300-Milliarden-Dollar-Verschwindetrick.

Diese Zahl beschreibt das Volumen der Problemkredite, die die drei Top-Banken zu Beginn des 21. Jahrhunderts auslagerten. Damals rief die People's Bank of China vier Vermögensverwaltungsunternehmen (AMCs) ins Leben, die den Schmutz aus zwei Jahrzehnten politisch veranlasster Kreditvergaben ausputzen sollten. Aber die daraus resultierenden Verluste lauern immer noch hinter der Ecke, außer Sichtweite zwar, aber kaum noch zu ignorieren.

Der Plan sah vor, dass die AMCs die vergifteten Kredite aus den großen Banken heraussaugen und über einen Zeitraum von zehn Jahren so gut es ging eintreiben sollten. Im Gegenzug emittierten die AMCs Anleihen, deren Zinsen aus den geretteten Mitteln bezahlt werden sollten. Und Simsalabim: die Banken hatten wieder Spielraum für neue Kreditvergaben.  

Die Sache hatte nur einen großen Haken. Die AMCs kauften die Darlehen zu bis zu 100 Prozent ihrer Nominalwerte, während sie nur etwa 20 bis 30 Prozent der ausstehenden Forderungen zurückgewinnen konnten. Das heißt, die AMC-Anleihen der drei Top-Banken mit einem Nominalwert von 1,2 Billionen Renminbi, die ab diesem Jahr fällig werden, sind so gut wie wertlos. Theoretisch steht letztendlich das Finanzministerium in der Pflicht, aber das wird den Banken wenig nutzen. Die Summe, die den Banken insgesamt zusteht, entspricht rund einem Sechstel der chinesischen Haushaltseinnahmen des Jahres 2008. 

Glücklicherweise drängen sich zwei typisch chinesische Alternativen auf. Eine besteht darin, die AMCs zu Investmentfirmen umzufunktionieren und ihnen eine zusätzliche Einkommensquelle zu erschließen, ein Prozess, der schon im Gange ist. ICBC und CCB sprechen bereits davon sich an den AMCs zu beteiligen und denken dabei an eine Form der Umwandlung von Schulden in Beteiligungskapital - allerdings ist hier nur schwer zu sehen, wie das Eigenkapital die Höhe der geschuldeten Mittel erreichen soll. 

Die andere Variante zielt darauf ab, die Anleihelaufzeit auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Allerdings sind die Beträge, von denen hier die Rede ist, nicht gerade gering. Und die Banken weiten ihre Kreditvergaben auf Geheiß des Staates wieder rapide aus. Wenn auch die neuen Ausleihungen irgendwann einmal in "Evergreens" umgewandelt werden müssen, könnten die Bankbilanzen wirklich sklerotisch werden - und schließlich weitreichendere chirurgische Eingriffe erfordern. 

Aber Chinas dynamische Entwicklung könnte die Probleme auch mildern. Das chinesische BIP hat sich seit Beginn des neuen Jahrhunderts nominal fast verdreifacht. Solange China wächst und die Rückzahlungen hinausschiebt, wird das Problem der außerbilanziellen Verbindlichkeiten, relativ betrachtet, immer kleiner und kleiner werden. Der eigentümliche 300-Milliarden-Dollar-Zaubertrick könnte also schließlich doch noch gelingen.

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