Chinesische Inflation
Bitte nicht füttern

Die Nahrungsmittelpreise in China steigen nur moderat. Aber die Preise der Vermögenswerte sind in die Höhe geschossen. Sie durch höhere Zinsen zu zähmen, könnte die Investitionspläne des Landes im kommenden Jahr ins Wanken bringen und Zinsspekulanten anziehen. Doch eine Asset-Blase zu nähren, ist wie das gefährliche Spiel mit einem wilden Tier – es endet meist im Fiasko.
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Nach einer Talfahrt von neun Monaten ziehen die Preise in China wieder an. Damit könnte sich eine wirtschaftliche Erholung abzeichnen. Was der moderate Anstieg um 0,3 Prozent bei den Verbraucherpreisen im November nicht offenbart, ist die enorme Erhöhung bei den Immobilienpreisen und Aktienkursen - und die Tatsache, dass die politisch Verantwortlichen sie nicht so einfach abbremsen können.

Indem die chinesische Regierung weiterhin dafür sorgt, dass Geld billig und allseits verfügbar ist, spielt sie im Grunde mit einem Inflationstiger.

China hat keine inflationsgebundenen Bonds, die übermitteln könnten, was der Markt denkt. Dennoch gibt es aufschlussreiche Signale. In den siebzig größten Städten Chinas sind die Immobilienpreise im November im schnellsten Tempo seit 20 Monaten geklettert. Die Verbraucher transferieren zudem einen größeren Teil ihrer Ersparnisse auf Girokonten, was darauf schließen lässt, dass sie ihr Erspartes schnell ausgeben oder investieren wollen, bevor es "weginflationiert" wird.

Geld ist der Grund. Die chinesische Regierung hält an ihrem Kurs und ihrem Programm der Kreditvergabe und der Ausgaben fest. Das breit gefasste Geldmengenaggregat M2 für die Liquidität expandierte im November im Vorjahresvergleich um 30 Prozent.

Während ein Verbraucherpreisindex von 0,3 Prozent nichtig erscheinen mag, manifestiert sich Geld in China nicht immer an den gewohnten Stellen. Die Nahrungsmittelpreise werden in der Regel eher von Lieferengpässen getrieben denn von der Geldmenge. Die Kraftstoffpreise werden oft von einer Aufsichtsbehörde festgelegt. Und die Preise außerhalb des Nahrungsmittelsektors, wie etwa im Elektronikbereich oder bei Textilien, sind in vielen Fällen aufgrund von Überkapazitäten in der Herstellung und von Produktivitätssteigerungen in den vergangenen Jahren zumeist gefallen.

Die Preise der Vermögenswerte deuten darauf hin, dass die Kreditzügel angezogen werden müssten - entweder durch eine Anhebung der Zinsen oder indem die Beträge kontrolliert werden, die die Banken als Kredite vergeben. Doch die verantwortlichen Stellen sind vielleicht nicht willens, sich dieses Ungemach aufzuladen. Die Darlehensnehmer, unter denen sich viele Kommunalverwaltungen finden, haben in diesem Jahr aus dem Vollen geschöpft: Die gesamte Kreditvergabe dürfte zehn Bill. Yuan erreichen. Gräbt man billigen Krediten nun das Wasser ab, könnte dies, wie Anfang der neunziger Jahre, zu halb fertig gestellten Flughafenanlagen, Brücken und lokalen Prestige-Projekten führen, die langsam verstauben.

Die Alternative dazu wäre es, die Asset-Blasen immer größer werden zu lassen. Peking hat sich in einmaligen Feinjustierungen, wie etwa der Anhebung der Anzahlungsbeträge auf Häuser, versucht und dabei kaum Erfolge erzielt. Einstweilen werden sich die politisch Verantwortlichen vielleicht sogar glücklich schätzen, eine einsetzende Blase bei den Preisen der Vermögenswerte zu hegen und zu pflegen, wenn dies bedeutet, dass die Hauseigentümer mehr für Möbel und elektronische Geräte ausgeben. Aber die Inflation der Vermögenswerte zu ignorieren, ist wie das Spiel mit einem Tiger: Am Schluss wird einer dabei zerrissen.

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