Chinext
Zu früh geboren

Theoretisch sollte ein neuer Markt für Wachstumswerte in China dazu beitragen, Innovationen zu fördern und nutzlos gehortetes Kapital dahin zu befördern, wo es gebraucht wird. Doch in der Praxis hat sich der Nasdaq-Verschnitt Chinext bei seiner Eröffnung als chaotisch sprudelnde Quelle der Überbewertungen erwiesen. Hier wurde ein zu großer Schritt zu früh gewagt.
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Welch ein Auftritt für den neuen chinesischen Markt für Wachstumswerte! Am 30. Oktober öffnete die Chinext, die Antwort aus Shenzhen auf die US-Technologiebörse Nasdaq, ihre Pforten. Während des ersten halben Handelstags legten die Aktien der 28 dort notierten Unternehmen im Wert allesamt mindestens um das Doppelte zu. Dabei waren sie ohnehin im Durchschnitt schon zum 40fachen des für dieses Jahr prognostizierten Ergebnisses bewertet worden, verglichen mit einem Vielfachen von 30, zu dem der Leitindex in Shenzhen gehandelt wird. Die chinesischen Investoren haben das bekommen, was sie am allerwenigsten brauchen: eine chaotisch sprudelnde Quelle der Überbewertungen.

Theoretisch ist ein Wachstumsmarkt für China sinnvoll. Ersparnisse könnten so einen Weg zu den Technologie- und Dienstleistungsfirmen finden, die bei der Freigiebigkeit der Regierung und bei der Kreditvergabe der Banken oft zu kurz kommen. Diese Vernachlässigung wird der wichtigen Rolle nicht gerecht, die sie bei der Innovationsförderung und bei der Ankurbelung des Konsums spielen. Die Unternehmen, größtenteils aus dem Hochtechnologie-Sektor, zapfen stattdessen die internationalen Märkte an - was nicht dazu beiträgt, dass China vorhandenes Kapital effizient zuteilen kann.

Aber in der Praxis sieht es ganz so aus, als sei mit der Chinext ein zu großer Schritt zu früh gewagt worden. Selbst die Hauptmärkte Chinas sind schon größeren Schwankungen und Risiken ausgesetzt als die Leitbörsen im Ausland. Weder sind die Unternehmer aus dem Wachstumssektor bisher einer Bewährungsprobe unterzogen worden, wie sie es mit der Unternehmensführung im Umfeld der Börse halten werden, und noch viel weniger die kleineren Konsortialbanken, die einige Aktienemissionen abstützen. Die Chinext läuft Gefahr, denselben Weg wie einst der Neue Markt in Deutschland zu gehen, der von Skandalen geplagt war, bevor er schließlich geschlossen wurde.

Deutschland hatte - wie auch Hongkong, Kanada, Großbritannien und Japan, die allesamt getrennte Wachstumsbörsen eingerichtet haben - wenigstens noch etwas vorzuweisen, was China gänzlich fehlt: einen ausgeprägten, entwickelten Kapitalmarkt. In China sind selbst Aktien von großen Unternehmen.

Mangelware, weil der Streubesitz generell gering ist. Erstemissionen werden üblicherweise im zweistelligen Bereich überzeichnet, so rar sind neue Investitionsgelegenheiten. Einige an der Chinext notierte Papiere waren mehr als hundertfach überzeichnet, berichten mit der Lage vertraute Personen.

Gleichzeitig haben es die chinesischen Anleger schwer, Zugang zu dem Sektor zu finden, den sie eigentlich wirklich bräuchten: das Segment größerer Unternehmen mit nachweisbaren Erfolgen. Die Hauptmärkte werden von einer Aufsichtsbehörde abgeschottet, die handverlesene Notierungen auf der Basis politischer Zielsetzungen vornimmt. Würden die bürokratischen Hürden für ausgereiftere Unternehmen, die willens und bereit für einen Börsengang sind, beseitigt und nicht gehandelte Aktien im Staatsbesitz schneller für den Markt frei gegeben, dann würde dies die chinesischen Kapitalmärkte wirklich voranbringen. Stattdessen dürften die grotesken Übertreibungen an der Chinext sie weiter zurückwerfen.

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