City Talk
Am Ende würde die Kugel den Banker treffen

Politiker und Finanzleute stehen in London in einer bizarren Konkurrenz: Wer zieht den größten Hass auf sich? Und untereinander sind sie auch spinnefeind.
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Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Beleidigt hat der Exjournalist und Ex-Fernsehkomiker schon so ziemlich alles und jeden. Als er einmal die Intrigen in der konservativen Partei mit „Menschenfresserorgien in Papua-Neuguinea“ verglich, musste sich Johnson gleich bei einem ganzen Land entschuldigen.

Jetzt hat sich der unkonventionelle Bürgermeister die Banker vorgeknöpft. „Wenn man dem Mann auf der Straße ein Gewehr in die Hand geben würde und ihn zwingen würde, zwischen einem Politiker und einem Banker zu wählen, wen würde die Kugel treffen?“ fragt sich Johnson. Die Antwort fällt tatsächlich nicht leicht. Die britischen Politiker haben ihren Ruf im großen Spesenskandal mit der Reinigung von Burggräben und teuren Zweitwohnungen auf Staatskosten ruiniert, die Banker durch die Finanzkrise und ihre scheinbar nicht zu stillende Gier auf Boni.

Am Ende würde die Kugel den Banker treffen, ist sich Johnson sicher. Das ist kein Wunder, schließlich ist der Mann selbst Politiker und damit kaum unparteiisch. Nachdenklich sollte es die Geldmenschen in der Londoner City aber doch stimmen. Schließlich gehörte der konservative Bürgermeister zu jener immer schneller schrumpfenden Minderheit, die die Banker bislang gegen alle Anfeindungen verteidigt hat.

Offenbar verliert die Finanzbranche jetzt auch noch die letzte moralische Unterstützung, und das ist leider nicht wirklich erstaunlich. Denn eigentlich gibt es kaum eine Rechtfertigung dafür, dass die Banken in der Londoner City in diesem Jahr bereits wieder sechs Milliarden Pfund, 50 Prozent mehr als 2008, an ihre Mitarbeiter ausschütten wollen. Denn letztlich sind diese Boni vom Steuerzahler gestiftet.

Rechnet man Kapitalhilfen, Bürgschaften und Garantien zusammen, dann haben die Briten knapp eine Billion Pfund für die Rettung des Finanzsystems lockergemacht. Während die Bürger gerade erst die volle Wucht der Rezession zu spüren bekommen und selbst robuste Unternehmen Probleme bei der Kreditversorgung bekommen, machen viele Banken bereits wieder dicke Gewinne. Gewinne, die aber auch für die gesündesten der Institute ohne die großzügige Rückendeckung des Staates nie möglich gewesen wären.

Kein Wunder, dass der Volkszorn angesichts dieser Umverteilung von Steuergeldern in Yachten, Sportwagen und Villen hochkocht. Wenn die Banken sich schon nicht aus moralischen oder ökonomischen Gründen zurückhalten wollen, dann hätten zumindest taktische Erwägungen dafür gesprochen, die Boni in diesem Jahr einzufrieren. Ein bisschen mehr Bescheidenheit hätte die Gefahr noch strengerer Regulierung deutlich reduzieren können.

So bieten die Banker enttäuschten Politikern jede Rechtfertigung, sie noch enger an die Leine zu legen. Und das könnte am Ende dafür sorgen, dass die Boni in Zukunft auf Dauer sehr viel bescheidener ausfallen werden.

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