City Talk
Cameron erweist seinen Wählern keinen guten Dienst

Einwanderung ist gut für die Wirtschaft. Zumindest in Großbritannien füllen die Immigranten die klamme Staatskasse seit Jahrzehnten ganz ordentlich auf.
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Was ist das britische Nationalgericht: Roastbeef mit Yorkshire-Pudding oder nicht doch eher Chicken Tikka Masala? Ein scharfes indisches Curry gehört auf jeden Fall seit vielen Jahrzehnten genauso zur englischen Nationalkultur wie lauwarmes Bier und fade Würstchen.

Das Königreich blickt auf eine lange Geschichte der Einwanderung zurück, im 19. Jahrhundert kamen die Iren, später Inder und Pakistanis, nach dem Zweiten Weltkrieg die Immigranten aus der Karibik und in diesem Jahrzehnt die Osteuropäer. Das ging nicht immer ohne Spannungen ab, wie die blutigen Rassenkrawalle von Notting Hill in den 50er-Jahren, in Brixton in den 80ern und in Bradford im Jahr 2001 zeigen. Zeiten großer Toleranz wechseln sich immer wieder mit Phasen ab, in denen die Angst vor Überfremdung hochkocht.

Im Moment scheint sich in Großbritannien wieder einmal die Furcht breitzumachen. Der neue Premier David Cameron hat im Wahlkampf eine „Deckelung“ der Einwanderung versprochen. Jetzt wollen die Konservativen zunächst einmal die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für außereuropäische Fachkräfte beschränken. Dagegen laufen die Unternehmen und die Londoner City Sturm. Kein Wunder, lebt doch vor allem die Finanzbranche davon, dass Banken, Anwaltskanzleien, Vermögensverwalter und Beratungsgesellschaften die besten Talente aus aller Welt nach London locken können und dass sich diese Talente bislang sicher sein konnten, hier auch willkommen zu sein.

Die Banker haben recht mit ihrem Protest, denn rein ökonomisch gesehen setzt Camerons Vorstoß an der falschen Stelle an. Britische Ökonomen haben untersucht, ob und wie Immigration das Lohnniveau der heimischen Arbeitskräfte verändert. Ergebnis: so gut wie gar nicht. Allerdings fallen die Effekte entlang der Einkommensskala unterschiedlich aus.

Während der Wettbewerb mit den Einwanderern in ungelernten oder wenig qualifizierten Jobs das nationale Einkommensniveau in den vergangenen Jahren nach unten drückte, ist es bei hochqualifizierten Berufen genau umgekehrt, hier stieg das allgemeine Lohnniveau sogar mit der Zahl der Immigranten.

Mit seiner Attacke auf ausländische Fachkräfte erweist Cameron seinem Wahlvolk also keinen Dienst, ganz im Gegenteil. Wenn überhaupt, dann müsste Cameron versuchen, die Einwanderung unqualifizierter Arbeitskräfte zu verhindern. Aber eigentlich sollte der Premierminister schon aus schierem Eigennutz ganz auf seinen populistischen Vorstoß verzichten. Denn im Gegensatz zu vielen Vorurteilen liegen die Einwanderer dem Staat nicht auf der Tasche, sondern füllen die Steuerkassen sogar auf.

Die Forscher des Londoner University Colleges haben ausgerechnet, dass die osteuropäischen Immigranten in Großbritannien im vergangenen Jahr für jedes Pfund an öffentlichen Leistungen, das sie in Anspruch genommen haben, im Schnitt 1,37 Pfund an Steuern bezahlt haben. Michael Maisch

Kommentare zu " City Talk: Cameron erweist seinen Wählern keinen guten Dienst"

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  • "Während der Wettbewerb mit den Einwanderern in ungelernten oder wenig qualifizierten Jobs das nationale Einkommensniveau ..."
    Schön, daß Prognosen aus den 80igern im Handelsblatt angekommen sind. Die Masseneinwanderung vernichtet die Lebensgrundlage der einfachen bevölkerung, während das obere Drittel der bevölkerung von neg. Anpassung verschont bleibt.

    Very tricky: im Titel von immigration reden und im Text von Osteuropäern. ;)
    Wie lange soll die beggar thy neighbour-Politik mit dem Absaugen der gutausgebildeten Polen, etc. weitergehen ? Wer soll die drohende Massenarmut der osteurop. Alten auffangen oder dürfen die auch nach Gb einwandern ?

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