City Talk
Dialektik der Krise

Und es bewegt sich doch etwas. Manchmal konnte man in den vergangenen Wochen schon das Gefühl bekommen, dass das Leben nach der Finanzkrise einfach so weitergeht wie vorher. War da was? Wir sind nur knapp am wirtschaftlichen Weltuntergang vorbeigeschrammt, aber wir leben ja noch, also was soll's.
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Ganz so ignorant scheint der ökonomische Weltgeist dann allerdings doch nicht zu sein. Einige Dinge ändern sich tatsächlich. Ungleichgewichte, die zur Entstehung der Finanzkrise beigetragen haben, lösen sich langsam, aber sicher auf.

Zum Beispiel fangen die Briten an zu sparen. Und das ist tatsächlich eine überraschende Nachricht, denn die Insulaner schieben seit Jahren einen gigantischen Schuldenberg vor sich her, der – die Immobilienkredite mit eingerechnet – die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes übersteigt.

Im Juli ging die Verschuldung der Verbraucher auf der Insel zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1993 zurück. Um 600 Millionen Pfund schmolz der Schuldenberg ab, und das nicht nur, weil die Banken kaum noch neue Hypothekenkredite vergeben, sondern auch, weil die Kreditkartenschulden um mehr als 200 Millionen Pfund fielen.

Das ist natürlich erst einmal eine gute Nachricht, denn wenn die britische Wirtschaft nach der Krise wirklich auf stabileren Beinen stehen soll, dann müssen die Verbraucher ihre ungesunde Lust am Kredit zügeln.

Auf der anderen Seite heißt das natürlich auch, dass die Briten ihre Ausgaben ausgerechnet dann einschränken, wenn sie am nötigsten wären. Wenn nach den Unternehmensinvestitionen, die bereits auf den tiefsten Stand seit 1966 gesackt sind, jetzt auch noch der private Konsum wegbricht, dann wird der Weg aus der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg länger und steiniger, als viele glauben.

Die britische Wirtschaft ist zwar deutlich flexibler als die deutsche oder die französische. Weil aber der ökonomische Korrekturbedarf nach langen Jahren der Überhitzung auch deutlich größer ist als auf dem Kontinent, könnten die Insulaner am Ende doch länger brauchen, um aus der Krise wieder aufzutauchen, als ihre europäischen Vettern vom Festland.

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