City Talk
Die Achse Berlin-Paris

Man könnte das Ganze als eines der üblichen Protest-Rituale bei den Aufräumarbeiten nach der großen Krise abhaken: Die EU-Kommission präsentiert ihre Vorschläge für die schärfere Regulierung von Hedge-Fonds, und prompt geht ein Aufschrei durch die Branche.

Lobbygruppen machen mobil, prominente Londonder Fondsmanager drohen mit Auswanderung. So weit, so vorhersehbar. Doch dieses Mal scheint die Angst der Hedge-Fonds-Manager echt zu sein. Zumindest ist es ihnen gelungen, die britische Labour-Regierung und den Londoner Bürgermeister davon zu überzeugen, dass die Brüssler Vorschläge eine echte Bedrohung für die gesamte Branche seien. Die Politiker haben sich sehr schnell die Sichtweise der City zu eigen gemacht, dass die Attacke aus Brüssel in Wirklichkeit ein Komplott der traditionell kapitalmarktkritischen Achse Berlin-Paris ist.

Hinter der Londoner Paranoia steckt ein realer Kern. Die EU-Kommission spitzte ihren Entwurf in letzter Minute zu. Jetzt sehen die Pläne eine Obergrenze für die Verschuldung der spekulativen Fonds vor, und damit würden eine ganze Reihe von Investmentstrategien ihren Reiz verlieren.

Aber heißt das tatsächlich, dass die Hedge-Fonds-Gemeinde London geschlossen den Rücken kehren würde? Normalerweise verschieben sich die Machtverhältnisse zwischen den internationalen Finanzplätzen nur sehr langsam. Doch Ausnahmeereignisse können dafür sorgen, dass aus der gemächlichen Kontinentaldrift ein katastrophales Beben wird, und es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass man die Finanzkrise als solches Ausnahmeereignis einstufen muss.

Wie heftig solche regulatorischen Beben ausfallen können, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Anfang der 60er-Jahre führten die USA eine neue Steuer ein. Die Interest Equalization Tax machte die Platzierung ausländischer Anleihen an der Wall Street teurer, und die Investoren reagierten sofort. Innerhalb kürzester Zeit verschwand der gesamte Markt für Auslandsanleihen aus den USA, um in London eine fröhliche Wiedergeburt zu feiern. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Dieses Mal sind es die Briten, die fürchten, dass ihnen ein ganzer Zweig der für das Wohlergehen der Insel so wichtigen Finanzindustrie abhandenkommen könnte. Und wer weiß, vielleicht lautet das Wunschziel der Hedge-Fonds-Manager ja New York.

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