City Talk
Die freie Marktwirtschaft bleibt vorerst ein Wunschtraum

Nach der Bankenrettung ist vor der Bankenrettung. Noch immer hängen die Geldhäuser am Tropf des Staates, und so schnell dürfte sich das auch nicht ändern.
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Eine ganze Menge Geld ist das: 1,2 Billionen Pfund. Würde man alle Nullen ausschreiben, so würde die Zahl in dieser Zeitung ungefähr genau so viel Platz einnehmen wie das Wort „Bankrotterklärung“.

1,2 Billionen Pfund, so viel Geld musste der britische Staat bislang in die Hand nehmen, um das Bankensystem des Königreichs vor dem Kollaps zu retten. Das eigentlich Tragische an der ganzen Sache ist, dass diese riesige Summe noch nicht die Gesamtrechnung sein könnte.

Die Gefahr ist groß, dass die britischen Steuerzahler weiter für die Rettung der Banken bluten müssen. Aber vielleicht ist es ja zumindest ein kleiner Trost, dass auch die übrigen Europäer in Sachen Bankenrettung noch nicht aus dem Schneider sind.

Von den 1,2 Billionen Pfund, mit denen die Briten im Risiko stehen, entfällt nur ein Bruchteil auf direkte Kapitalhilfen für die Institute in größter Not wie die Royal Bank of Scotland, Lloyds oder Northern Rock. Den Löwenanteil der Mittel hat der Staat für Garantien, Bürgschaften und andere Hilfen bereitgestellt, die die Liquiditätsversorgung der Institute in Zeiten klammer Märkte sichern sollten. Das Problem ist, dass die Geldhäuser auch zwei Jahre nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers noch immer am Tropf des Staates hängen. Allerdings müssen sich die Institute darauf vorbereiten, dass die Regierungen die lebenserhaltenden Maßnahmen in absehbarer Zukunft gerne einstellen würden. In Großbritannien sollen eine ganze Reihe der Notfallprogramme 2012 auslaufen. Und um sich vom Staat abzunabeln, müssten sich die Banken bis dahin 750 Milliarden Pfund an zusätzlichen Mitteln selbstständig besorgen.

Die Experten des Londoner Think-Tanks New Economics Foundation haben den Taschenrechner gezückt und kalkuliert, dass die Geldhäuser, um dieses Ziel zu erreichen, jeden Monat 25 Milliarden Pfund an den Märkten aufnehmen müssten. Das ist doppelt so viel wie im Moment. Falls dieser Kraftakt die Institute überfordern sollte, müsste am Ende doch wieder der Staat einspringen und seine Hilfsprogramme weiterlaufen lassen.

Eine Horrorvorstellung, die nicht nur den britischen Steuerzahlern den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Denn weltweit müssen die Banken in den kommenden zwei Jahren vier Billionen Dollar refinanzieren. Besonders ausgeprägt seien die Probleme in Europa, warnte vor kurzem der Internationale Währungsfonds.

Dummerweise sind es aber auch die Staaten der Euro-Zone, die nach dem Billionenprojekt Bankenrettung tief in der Schuldenkrise stecken und eigentlich selbst jemanden bräuchten, der sie aus der finanziellen Misere herauspaukt. So ziemlich das Letzte, was die Europäer brauchen können, ist eine neue Runde in der Bankenkrise.

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