City Talk
Die große Depression des Gordon Brown

Der offene Streit unter den G20-Staaten über Währungsprotektionismus gefährdet das gesamte Reformprojekt für die Neuordnung der internationalen Finanzmärkte.
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Es war einer der wenigen Augenblicke für den glücklosen britischen Premierminister Gordon Brown, die sich wenigstens ein bisschen nach Triumph anfühlten: Im Frühjahr 2009 versammelten sich die Staatschefs der wichtigsten 20 Industrie- und Schwellenländer in London, um gemeinsam einen Weg aus den Wirren der Finanzkrise zu suchen. Für Brown war das die lange erwartete Gelegenheit, sich auf internationaler Bühne als Retter der Wirtschaftswelt zu präsentieren.

Tatsächlich gelang es dem bärbeißigen Schotten auf der historischen Konferenz, einen Konsens zu schmieden, der die Finanzwelt auf eine neue Grundlage stellen sollte. Eineinhalb Jahre später will die G20 bei ihrem Treffen in Seoul das große Reformwerk nun zum Abschluss bringen. Doch die Aufbruchstimmung von London ist längst verflogen. Inzwischen herrscht offener Streit unter den Regierungschefs. Das Gespenst des Protektionismus, das die Staatschefs in London eigentlich bannen wollten, spukt längst wieder durch die Weltwirtschaft und droht den gesamten Reformprozess und damit die Bewältigung der Finanzkrise in Gefahr zu bringen.

Unmittelbarer Auslöser des Streits sind die Pläne der amerikanischen Notenbank, noch einmal die Gelddruckmaschine anzuwerfen, um die fragile Erholung der heimischen Wirtschaft zu stützen. Das kommt allerdings in den Schwellenländern gar nicht gut an. Sie fürchten, dass eine neue Welle westlichen Kapitals in ihre Länder schwappt und die ohnehin grassierende Inflationsgefahr noch weiter anheizt.

Nicht nur China vermutet, dass hinter der Aktion der USA auch die Absicht steckt, den Dollar zu schwächen und damit die US–Exporte zu fördern. Auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wirft den Amerikanern vor, dass sie mit zweierlei Maß messen. Während sie lautstark das Programm der Chinesen zur Schwächung des Yuans beklagen, greifen sie gleichzeitig selbst zu Maßnahmen, die verdächtig nach Protektionismus riechen.

Die neue Runde im internationalen Devisenkrieg hätte kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Der Währungsstreit verdirbt die Stimmung für den G20-Gipfel schon im Vorfeld und lenkt die Aufmerksamkeit von den wichtigen Reformprojekten für die Finanzbranche ab, die auch ohne heillos verkrachte Verhandlungspartner komplex genug sind.

Wenn sich Gordon Brown die Ausgangslage vor dem Gipfel in Seoul ansieht und sie mit der Aufbruchstimmung vor eineinhalb Jahren in London vergleicht, dann dürfte ihn das ziemlich deprimieren, vielleicht sogar noch mehr als die verlorene Parlamentswahl in diesem Frühjahr. Diese Niederlage war absehbar und kaum abzuwenden. Für Browns Lieblingsprojekt einer internationalen Finanzreform sah es dagegen lange Zeit gar nicht einmal so schlecht aus. Michael Maisch

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