CITY TALK
Ein „Hauch von Revolution“ auf der Insel

Mit den Briten lässt sich einfach keine Revolution machen. Zu pragmatisch, manche würden auch sagen zu phlegmatisch sind die Insulaner, wenn es um Aufruhr und große Ideen geht.

Als in den stürmischen 60er-Jahren der französische Philosoph Guy Debord nach London kam, um den revolutionären Funken zu schüren, sollte er sich in einer heruntergekommenen Wohnung im Stadtteil Notting Hill mit über 20 radikalisierten jungen Briten treffen. Am Ende kamen drei, und Debord und seine eher weniger revolutionäre Zelle verbrachten den Nachmittag damit, Fußball im Fernsehen zu schauen und Dosenbier zu trinken.

Umsturz und Großbritannien, das sind zwei Begriffe, die einfach nicht zusammenpassen wollen. Doch jetzt hat nicht nur Jonathan Freedland, seines Zeichens Kolumnist der liberalen Tageszeitung "Guardian" einen "Hauch von Revolution" auf der Insel ausgemacht. Schuld daran ist die doppelte Krise, die das Land derzeit erschüttert, die Krise des Kapitalismus und die Krise der Demokratie.

Nachdem die Briten zuerst das Vertrauen in die Bankmanager verloren haben, trauen sie nach dem ausufernden Spesenskandal, der das Land erschüttert, auch ihren Parlamentariern nicht mehr über den Weg. Die Abgeordneten, die so lautstark die Gier der Banker anprangerten stellten sich am Ende quer durch alle Parteien selbst als ziemlich skrupellose Raffzähne heraus.

Die Vergehen der Abgeordneten rangieren irgendwo zwischen kriminell und tragikkomisch. Labour-Politiker rechneten Zinsen für Hypotheken ab, die schon lange abbezahlt waren, konservative Granden ließen sich die Reinigung ihres Burggrabens oder ein Holzhäuschen für die Enten auf dem See vom Steuerzahler bezahlen.

Die Londoner Bankergemeinde dürfte der Skandal erst einmal gefreut haben, lenkt er die Aufmerksamkeit doch von den eigenen Vergehen ab. Doch die Schadenfreude dürfte schnell vergehen, denn auf Dauer ist das moralische Vakuum in der britischen Politik Gift für die City.

Immer lauter wird der Ruf nach vorgezogenen Neuwahlen, und die Angst wächst, dass die Empörung der Wähler zu einem politischen Rechtsruck führt. Das wäre fatal, ist die Erfolgsgeschichte des Finanzzentrums an der Themse, doch untrennbar mit dem liberalen Klima verbunden, das London bislang ausgezeichnet hat.

maisch@handelsblatt.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%