City Talk
Goodwins Traum vom grenzenlosen Wachstum

Der Fall Fred Goodwin erhitzt noch immer die Gemüter. Der Ex-Chef der Royal Bank of Scotland war aber nur einer von vielen Bankern, die der Größenwahn gepackt hatte.
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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der hässlichste Banker im ganzen Land? Die britischen Medien haben diese Frage bereits einstimmig beantwortet: Fred Goodwin, der Ex-Chef der Royal Bank of Scotland (RBS). Auf seinem steilen Weg nach unten hat Goodwin tatsächlich jede Menge Superlative der negativen Art angehäuft: Die RBS musste den höchsten Unternehmensverlust in der britischen Geschichte verkraften, die Rettung des Instituts kostete den Steuerzahler stolze 24 Milliarden Euro, und 15 000 Banker verloren bei der Sanierung ihren Job. Die Tatsache, dass der Schotte nach seiner unehrenhaften Entlassung auch noch verbissen um seine Pension von 820 000 Euro im Jahr kämpfte, trug nicht gerade zur Verbesserung seines Images bei.

Kurzum: Goodwin wurde für die Briten zur Symbolfigur des gierigen Bankers schlechthin. Eines ist der Schotte aber dennoch nicht: ein Krimineller. Zu diesem Schluss kam zumindest eine langwierige Untersuchung der Finanzaufsicht FSA. Goodwin habe zwar schwere Fehler begangen, aber keine strafrechtliche Schuld auf sich geladen.

Wirklich überraschend ist dieses Resultat kaum, denn Goodwin war in seiner Hybris keineswegs alleine. Goodwin galt als regelrechter „Deal-Junkie“, der die RBS mit einer Reihe von spektakulären Übernahmen aus der schottischen Provinz in die erste Liga der europäischen Banken führte. Am Ende war es sein vermeintliches Meisterstück, die 72 Milliarden Euro teure Übernahme der niederländischen Großbank ABN Amro, die der Karriere des Bankers ein unrühmliches Ende setzte. Kurz vor dem Ausbruch der großen Finanzkrise hatte Goodwin alles auf eine Karte gesetzt und den größten Zukauf der Finanzgeschichte gewagt. ABN entpuppte sich allerdings als Milliardengrab.

Der Schotte war jedoch nicht der Einzige, der bereit war, dieses Risiko einzugehen. Sein Rivale John Varley, Chef des britischen Konkurrenten Barclays, lieferte Goodwin eine erbitterte Bieterschlacht um ABN. Und im Gegensatz zu Goodwin galt Varley als ausgesprochen vorsichtiger Banker, so vorsichtig, dass es fast schon wieder langweilig war. Warum also ließ sich der bedächtige Barclays-Chef auf das waghalsige Wettbieten ein? Varley glaubte genau wie Goodwin, dass die Finanzwelt in Zukunft von einer Handvoll „Superbanken“ beherrscht werden würde. Und wer im Konzert der ganz großen mitspielen wollte, musste eben wachsen, koste es, was es wolle.

Spätestens nach der Finanzkrise ist klar, dass big nicht länger beautiful ist. Noch immer ringen Politiker und Regulierer um eine Lösung für jene Banken, die so mächtig sind, dass sie im Notfall vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Außerdem hat die Finanzkrise den Verdacht erhärtet, dass die Supertanker der Finanzbranche so komplex werden, dass sie sich kaum noch steuern lassen.

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