CITY TALK
Hellseher am Werk

Fast sieht es so aus, als wären die Mitglieder der englischen Pop-Gruppe "The Housemartins" Hellseher. Mitte der 80er-Jahre hatte die Truppe aus dem nordenglischen Hull eine Reihe großer Hits. Ihre erste LP nannten die "Housemartins" London 0 - Hull 4. Ein Fußballergebnis, das damals in etwa so realistisch war wie die Landung eines englischen Astronauten auf dem Mars. Heute spielt Hull nicht nur in der ersten Liga, als eine Art britisches Hoffenheim hat der Aufsteiger mit Siegen gegen vier Londoner Clubs auch den Sprung in die Spitzengruppe der Premier League geschafft.

Aber nicht nur in Sachen Fußball bewiesen die "Housemartins" erstaunliche Weitsicht. Auf dem Innencover ihrer LP prangte der Revoluzzer-Spruch "Es lohnt sich nicht, eine Banker-Party zu stürmen, zünde lieber das Haus an". Das ist natürlich Blödsinn, dürfte aber nicht weit vom Zorn entfernt sein, der heute in der Volksseele kocht.

Eigentlich haben die Banker mit den Übertreibungen der Subprime-Krise ja selbst ihr Haus angezündet und blicken jetzt verstört auf die rauchenden Ruinen. Fast könnte man Mitleid bekommen: 150.000 Stellen hat die Krise bereits gekostet, und das nur in der Geldbranche. Bald schon werden in den Finanzmetropolen der Welt die Folgeschäden zu spüren sein. Allein in London sind 200.000 Jobs bedroht.

Im flammenden Inferno der Krise sind viele Gewissheiten verglüht. Das heißt aber noch lange nicht, dass die alten Gesetze der Branche nicht mehr gelten. Denn hinter der jüngsten Entlassungsrunde in den Investmentbanken steckt noch etwas anderes: Die Institute setzen Mitarbeiter auf die Straße, um Mittel für Boni frei zu machen. Wer jetzt gehen muss, für den gibt es in diesem Jahr keine Ausschüttung, und umso mehr bleibt für die anderen übrig.

Eine neue Umfrage zeigt, dass über ein Drittel der Finanzprofis in der Londoner City trotz Krise und Teilverstaatlichung mit einem mindestens genauso großen Bonus rechnet wie im vergangenen Jahr. Da wird es wohl einige herbe Enttäuschungen geben, denn die Auguren sagen voraus, dass der Bonustopf insgesamt um die Hälfte kleiner ausfallen wird. Das mag bitter sein, aber vielleicht können sich die Banker ja mit dem Gedanken trösten, dass die Schrumpfkur zumindest den Volkszorn etwas besänftigt.

maisch@handelsblatt.com

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