City Talk
Irland fürchtet um seine blutig erkämpfte Unabhängigkeit

Der harte Widerstand der Iren gegen EU-Hilfen zeigt, wie weit der politische Wille, der die Euro-Zone bislang zusammengehalten hat, bereits erodiert ist.
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Das Dubliner Shelbourne Hotel zählt nicht nur zu den traditionsreichsten europäischen Luxusherbergen, hier wurde auch politische Geschichte geschrieben. Im Zimmer 111 haben die irischen Rebellen nach dem Unabhängigkeitskrieg 1922 den Entwurf für die Verfassung der neuen Republik zu Papier gebracht. So wurde das Shelbourne zu einem Symbol für die hart und blutig erkämpfte irische Unabhängigkeit, die gerade einmal 88 Jahre alt ist. Die Iren sehen sie jetzt schon wieder in Gefahr, weil sie trotz hartnäckigen Widerstands unter den Rettungsschirm für überschuldete Euro-Länder flüchten müssen.

Auf den ersten Blick sieht das aus wie eine verkehrte Welt: Die EU bietet den Iren Hilfe an, die sie dringend brauchen, doch die kleine Insel hat sich verbissen gegen die Unterstützung gewehrt. Aber gerade dieser Widerspruch zeigt, wie wenig vom politischen Willen, der einst den Euro vorangetrieben hat, noch übrig ist. Ohne diesen Willen könnte es sehr schwierig werden, die Euro-Zone in ihrer heutigen Form zu retten.

Die Iren wissen, dass sie sich mit schweren ordnungspolitischen Fehlern in eine beinahe aussichtslose Lage gebracht haben. Trotzdem haben sie das Gefühl, dass sie jetzt von ihren europäischen Partnern übers Ohr gehauen werden. Aus ihrer Sicht müssen sie nur wegen der Ansteckungsgefahr für andere schwache Länder der Euro-Zone ein Rettungspaket akzeptieren, das ihre wirtschaftliche Souveränität gefährdet. Als wäre das noch nicht schlimm genug, nutzen Deutschland und Frankreich auch noch die irische Schwäche, um das Herz der Wirtschaftspolitik der Insel zu attackieren: den extrem niedrigen Körperschaftsteuersatz von 12,5 Prozent, mit dem Irland seit vielen Jahren ausländische Unternehmen auf die Insel lockt, sehr zum Unwillen der übrigen Europäer. Zwar scheint die Attacke abgewehrt, doch diesen Angriff werden die Insulaner nicht so schnell vergessen. Egal ob links oder rechts, Arbeitgeber oder Gewerkschaften, die Niedrigsteuerpolitik ist Konsens in der irischen Gesellschaft und ein Symbol für die 1922 erkämpfte Unabhängigkeit. Selbst die katholische Kirche gibt der Körperschaftsteuer ihren Segen.

Auf die wirtschaftliche Krise folgt in Dublin jetzt die politische Krise. Die fragile Regierungskoalition von Premierminister Brian Cowen scheint endgültig zu zerbrechen, vieles spricht dafür, dass in Irland bereits im Januar Neuwahlen anstehen. Noch hält das Gefühl des nationalen Notstands den Konsens in Sachen Euro zusammen. Aber was würde geschehen, wenn bei der nächsten Wahl eine der großen Parteien mit dem Versprechen anträte, Irland vom Diktat der Gemeinschaftswährung zu befreien? Das Gleiche könnte in Griechenland oder vielleicht auch in Portugal geschehen. Oder verlieren die Wähler in einem der reichen Geberländer als Erste die Geduld und läuten das Ende der Währungsunion in ihrer heutigen Form ein?

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