City Talk
Nicht amüsiert

Warum haben Wirtschaftswissenschaftler die Finanzkrise nicht vorausgesehen? Gab es nicht genug Anzeichen für die gefährliche Entwicklung, die sich anbahnte?

Das Vorrecht auf die ganz großen und die ganz einfachen Fragen haben Kinder - und Monarchen. Im vergangenen Herbst wollte eine überhaupt nicht amüsierte Queen Elisabeth wissen, warum eigentlich kaum ein Volkswirt die große Finanzkrise vorausgesehen hat. Genauer gesagt stellte Ihre Majestät die Fragen aller Fragen bei einem Besuch der London School of Economics an den etwas verdatterten spanischen Professor Luis Garicano.

Der arme Spanier muss allerdings nicht alleine den Kopf für all die anderen Mitglieder seiner Zunft hinhalten, die es nach Meinung ihrer Königlichen Hoheit so fahrlässig an Weitsicht mangeln ließen. In der vergangenen Woche griff eine Gruppe von Untertanen ihrer Majestät, die allesamt dem Beruf des Wirtschaftsforschers nachgehen, zur Feder, um der Königin das kollektive Versagen ihrer Zunft zu erklären.

Am Ende kommen die Forscher zu dem Schluss, dass sie eigentlich doch ganz helle Köpfe sind - und viele von ihnen einzelne Krisenherde durchaus richtig erkannt und auch frühzeitig vor gefährlichen Ungleichgewichten in der Finanzindustrie gewarnt haben. Aber kaum einer der Volkswirte sei in der Lage gewesen, die einzelnen Punkte zu verbinden, um so das große Bild zu erkennen. Mangelnder Überblick ist die Kardinalsünde, die die Wissenschaftler der Königin in ihrem Schreiben beichten.

Das ist natürlich ausgesprochen schade. Aber die Wirtschaftsforscher können sich zumindest mit dem Gedanken trösten, dass sie nicht die einzigen sind, denen dieser Fehler unterlaufen ist.

Mit dem gleichen Malheur hatten auch die Finanzaufseher zu kämpfen. Die Gefahren auf einzelnen Märkten und für einzelne Geldhäuser hatten sie im Blick und lange Zeit wohl auch im Griff. Doch die fatale Kettenreaktion, die das Weltfinanzsystem am Ende an den Rand des Kollaps getrieben haben, traf Aufseher und Politiker beinahe unvorbereitet.

Die Regulierer haben Besserung gelobt. Und zumindest die britische Finanzaufsicht FSA versucht ihre Organisation gerade so umzubauen, dass sie in Zukunft Systemrisiken über alle Bereichsgrenzen hinweg besser im Blick hat. Wahrscheinlich fürchten die Aufseher, dass sonst auch sie Besuch von der Königin bekommen.

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