City Talk
Was Banker mit einem famosen Cricket-Spieler gemein haben

Gelungene Ausweichmanöver können von den Briten manchmal mehr bejubelt werden als so mancher Sieg. Doch für die Finanzbranche sind sie diesmal keine Lösung - das System muss sich ändern.
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Ob Fußball, Golf oder Tennis, die Briten haben jede Menge Sportarten erfunden, nur leider gewinnen sie nicht allzu häufig. Das jüngste Beispiel für heroischen Einsatz, der nicht belohnt wurde, lieferte am Wochenende der schottische Tennis-Crack Andy Murray, der im Finale der Australian Open mal wieder den Kürzeren gegen Roger Federer zog. Aber vielleicht ist den Briten das Gewinnen gar nicht so wichtig? Vielleicht schätzen sie einen heldenhaften Abwehrkampf viel mehr als einen rauschenden Triumph?

Als die Engländer im vergangenen Sommer die Ashes, das wichtigste Cricket-Turnier der Welt, gewannen, da nötigten nicht die Siege gegen die Australier den größten Respekt ab, sondern die Leistung von Monty Panesar. Panesar ist ein hochspezialisierter Werfer. Da aber all seine Mannschaftskameraden bereits ausgeschieden waren, musste der Werfer am Ende des Spiels zum ungeliebten Cricketschläger greifen und sich gegen die auf ihn einprasselnden Bälle der australischen Werfer wehren. Panesar hielt so lange durch, bis England ein Unentschieden gerettet hatte.

In der vergangenen Woche verglich ein hochrangiger englischer Investmentbanker die Lage der Finanzbranche mit der von Monty Panesar in diesem Match. Die Verteilung der Rollen ist klar: auf der einen Seite die scheinbar endlosen Attacken von Politikern und Aufsehern, auf der anderen die Geldhäuser, die mit geschickten Ausweichmanövern und zähem Widerstand versuchen, die schlimmsten Folgen zu verhindern.

Das Weltbild, das sich hinter diesem Vergleich verbirgt, zeigt, wo das Problem vieler Banken und Banker liegt. Sie gehen noch immer davon aus, dass die Finanzkrise vor allem das Resultat einer historisch einmaligen Konstellation ist, bei der die Sparleidenschaft der Schwellenländer, die Großzügigkeit der westlichen Zentralbanker und die Ölmilliarden der Golfstaaten zusammen mit der Erfindungskraft der Finanzingenieure für eine beispiellose Liquiditätswelle sorgten, die zu fatalen Übertreibungen an den Märkten führte. Wahrscheinlich glauben die meisten noch immer, dass deregulierte Finanzmärkte im Wesentlichen effizient sind und auf Dauer mehr Wohlstand schaffen. Auch deshalb liefert die Branche den Regulierern zähe Rückzugsgefechte, ob bei Boni, Aufspaltung oder Eigenhandel.

Doch die Finanzkrise hat den Glauben an effiziente Märkte nachhaltig erschüttert. Bei Kreditderivaten, dem Epizentrum des Bebens, etwa: Theoretisch hätte die Möglichkeit, Kreditrisiken aufzuteilen, neu zu verpacken und über den Kapitalmarkt zu verkaufen, dazu führen müssen, dass die Risiken am Ende bei denen landen, die sie am besten verstehen. Tatsächlich scheint das Gegenteil der Fall gewesen zu sein. Die Klugen verkauften ihre Risiken, und am Ende hielten die am wenigsten Klugen den Schwarzen Peter in der Hand. Solche offenkundigen Ineffizienzen zeigen, dass das Finanzsystem eine strukturelle Reform braucht. Deshalb sollte man den Bankern bei ihrem Abwehrkampf nicht allzu fest die Daumen drücken.

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