Kolumnen
Das Problem mit der Glaubwürdigkeit

Der verwirrende Bericht von Société Générale darüber, wie ein einzelner Händler einen Verlust über fünf Mrd. Euro ausgelöst haben soll, hat den Eindruck hervorgerufen, als könne jeder zufällig Anwesende „Second Life “auf den Computern der Bank spielen. Die Investoren warten noch immer auf eine vollständige und zusammenhängende Erklärung dieses unglaublichen Betrugsfalls.

Fast zwei Stunden lang haben sich die Spitzenmanager von Société Générale (SocGen) durch schmerzhafte Entschuldigungen und verlegene Feststellungen gequält und konnten doch keine überzeugende Erklärung dafür präsentieren, was schief gelaufen ist in einem Institut, das zugelassen hat, dass ein junger Mitarbeiter ohne jeden besonderen Verantwortungsbereich fünf Mrd. Euro vom Geld der Bank verspielt hat.

Die offizielle Version lautet in etwa so: Ein Händler mit weit reichenden Kenntnissen der Kontrollprozesse der Bank habe nicht genehmigte Handelspositionen eingenommen, die er mit fiktiven Gegengeschäften verschleiert habe, nachdem er in betrügerischer Absicht seine Handelslimits innerhalb des Systems der Bank entfernt hätte. Die Manager der Bank hätten davon zum ersten Mal in der Nacht vom 18. Januar Wind bekommen. Zwei Tage, 21. und 22. Januar, hätten sie damit zugebracht, die Positionen des Händlers aufzulösen. Doch leider war der gewählte Zeitpunkt äußerst ungünstig, denn die europäischen Aktienmärkte verzeichneten just in diesen Tagen die größten Verluste seit September 2001. Daher sei es schließlich zu dem Mega-Verlust für die Bank gekommen.

Diese Geschichte ist verständlicherweise auf Unglauben gestoßen. Die Bank ist die Antworten auf wesentliche Fragen schuldig geblieben. Erstens einmal behaupten die Manager, die nicht genehmigten Geschäfte hätten “2007” begonnen, aber sie sagen nicht genau wann. Es wäre allerdings interessant zu wissen, ob die internen Verfahrensweisen von SocGen es zugelassen haben, dass der Händler mehrere Monate lang unbehelligt fortfahren konnte, was ja durch das Eingeständnis der Bank impliziert zu werden scheint, dass man dem Betrüger nur „zufällig“ auf die Spur gekommen sei. Zum zweiten hat SocGen, die ein Verfahren gegen den Mitarbeiter erst noch anstrengen will, nicht einmal ansatzweise ein Motiv für das Verhalten des Händlers geliefert. Es wäre aufschlussreich zu wissen, ob jeder enttäuschte Mitarbeiter Wege finden kann, mit dem Computersystem der Bank zu verfahren, als bewege er sich in einem virtuellen Spiel, das wie Second Life die Realität online nachahmt.

SocGen hat auch nicht offen gelegt, wie hoch die Engagements des Händlers denn nun letztendlich waren – der Verlust legt nahe, dass sie in einem Bereich von 50 Mrd. bis 70 Mrd. Euro anzusiedeln sind. Keiner hat eine schlüssige und genaue Erklärung dafür angeboten, wie es denn kam, dass niemandem – weder innerhalb der Bank noch außerhalb, wo größere Positionen offenkundig hätten werden müssen, spätestens dann, wenn Einschussforderungen fällig geworden sind – zu irgendeinem Zeitpunkt aufgefallen ist, dass da etwas schief läuft.

Die Glaubwürdigkeit von Vorstandschef Daniel Bouton und seiner Stellvertreter steht auf dem Spiel. Wenn sie nicht mit einer besseren Erklärung dafür aufwarten können, was vorgefallen ist, wann und warum, dann braucht die Bank möglicherweise bald einen neuen Mann an der Spitze, der unbefangener nach der Wahrheit suchen kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%