Demographie-Problem
Die Krise zwingt zum längeren Arbeiten

Höhere Haushaltsdefizite machen großzügige staatliche Altersbezüge noch weniger finanzierbar, während der Preisrückgang von Vermögenswerten Privatrenten zusammenschrumpfen lässt. Es gibt drei Wege, damit umzugehen: Steuern können erhöht werden, mehr Armut bei alten Menschen kann hingenommen werden, oder man geht später in Rente. Die dritte Variante ist bei weitem die beste.
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Die Wirtschaftskrise wird Menschen zwingen, länger zu arbeiten. Wegen höherer Haushaltsdefizite kann man sich großzügige Staatsrenten noch weniger als bisher leisten, während der Preisverfall von Vermögenswerten private Pensionen schrumpfen lässt. Es gibt drei Wege, damit umzugehen: Steuern können erhöht werden, mehr Armut bei alten Menschen kann hingenommen werden, oder man geht später in Rente. Alle Wege dürften gegangen werden, doch die dritte Variante ist bei weitem die beste.

Schon vor dem Eintritt der Krise war die sogenannte demographische Zeitbombe eine Sorge für die meisten reichen Länder und auch einige arme Nationen. Wegen des besseren Gesundheitswesens und eines starken Rückganges der durchschnittlichen Kinderzahl pro Familie müssen immer mehr alte Menschen von immer weniger Arbeitnehmern finanziert werden.

In vielen Ländern kommt die Stunde der Wahrheit in den nächsten paar Jahren, wenn die letzte nach dem Zweiten Weltkrieg geborene große Babyschwemme das Renteneintrittsalter erreicht. Statistiker ermitteln das "Abhängigkeitsverhältnis", indem die Zahl der über 65jährigen prozentual der Zahl der 15-64jährigen gegenübergestellt wird. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird sich dieses Verhältnis in den USA von 19 im Jahr 2010 auf 33 im Jahr 2030 erhöhen, in Großbritannien von 25 auf 40 und in Japan von 35 auf 65.

Traditionell sorgen Familien für sich selbst, doch in den reichen Ländern ist heute der Staat der größte Pensionsträger. Die Bevölkerungsalterung war schon lange eine Belastung für die staatlichen Kassen, doch die Krise hat eine schwierige Situation noch schlimmer gemacht, weil Barack Obama, Gordon Brown und Kollegen über finanzpolitische Anreize versuchen, ein Abgleiten der Rezession in einen Zusammenbruch zu verhindern. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass sich die Staatsschulden als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes in den entwickelten G20-Staaten von 79 Prozent im Jahr 2007 auf 104 Prozent im Jahr 2014 ausdehnen. Damit bleibt wenig Raum, Schulden für die Rente aufzunehmen.

In Großbritannien und einigen anderen Ländern sind private Pensionspläne eine wichtige Quelle von Altersbezügen. Experten hofften lange, sie könnten die Lücke füllen, die entsteht, wenn den Staaten das Geld ausgeht. Die Krise hat aber auch die Privatrenten beschädigt.

Es gibt zwei Arten privater Pensionen. Einmal die von einigen Unternehmen angebotene Variante, bei der den Pensionären ein fester Prozentsatz ihres letzten Gehaltes garantiert wird. Die Firmen setzen Pensionsfonds auf, deren Portfolios sicherstellen sollen, dass die Pensionäre bekommen, was sie verdienen. Die Arbeitgeber müssen allerdings für die Zusagen gegenüber den Pensionären geradestehen, unabhängig von der Wertentwicklung der Fonds.

Die Marktturbulenzen haben zur Folge, dass mehr Unternehmen auf ihre Pensionsfonds draufzahlen müssen. Leistungszusagen sind allerdings in den letzten 20 Jahren zunehmend ins Abseits geraten, weil Unternehmen sie zunehmend als gefährliche Verpflichtungen betrachten. Die Krise könnte sich für die Leistungszusage als finaler Todesstoß erweisen.

Bei den Beitragszusagen, der zweiten Variante privater Pensionen, hängen Zahlungen vollständig von der Entwicklung eines Fondsportfolios ab, in das entweder allein vom Rentenbezieher oder mit etwas Unterstützung des Arbeitgebers über die Jahre eingezahlt wird. Wegen der Krise ist der Wert dieser Portfolios gesunken, sodass die künftigen Pensionszahlungen kleiner ausfallen.

Pensionsfinanzierung ist problematisch. Man sollte aber nicht die gute Nachricht vergessen, dass nämlich die Menschen immer länger und gesünder leben. Außerdem stellt sich die Frage, ob Menschen mit 85 Jahren Lebenserwartung wirklich schon mit 65 in Rente gehen wollen, um 20 Jahre lang depressiv und einsam vor dem Fernseher zu versauern. Viel besser für sie und ihre Kinder wäre es, ein paar Jahre länger zu arbeiten, damit ihren Geist wachzuhalten und dann mit einer größeren Rente in den Ruhestand zu gehen.

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