Der Globalist: Der Rückzug Amerikas bedeutet nichts Gutes für die Welt

Der Globalist
Der Rückzug Amerikas bedeutet nichts Gutes für die Welt

Die einzige Supermacht ist infolge der Finanzkrise entscheidend geschwächt. Sie hinterlässt ein Führungsvakuum in der Welt. Eine Kolumne von Torsten Riecke.
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Morgen ist es auf den Tag genau neun Jahre her, dass zwei gekaperte Passagiermaschinen die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York zum Einsturz brachten. Ich stand damals als Augenzeuge vor dem flammenden Inferno, das die Welt erschütterte. Das Handelsblatt-Büro lag nur wenige Meter vom Ort des Terroranschlags entfernt. Zum ersten Mal nach Pearl Harbour war die Supermacht Amerika durch einen direkten Angriff herausgefordert worden. Die USA reagierten mit ihrem gesamten militärischen und finanziellen Arsenal und bekräftigten damit ihren globalen Führungsanspruch.

Sieben Jahre später, im September 2008, stand ich erneut vor einem "Ground Zero" in Manhattan. Diesmal war es die Wall Street, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise zusammenbrach. Wiederum reagierte Amerika mit aller Macht: Die Regierung schnürte ein 700-Milliarden-Dollar-Paket zur Rettung der Banken, die Notenbank pumpte unzählige Milliarden mehr in die Wirtschaft, um eine Depression zu verhindern.

Diesmal gelang es den Amerikanern jedoch nicht, ihren Führungsanspruch zu behaupten. Die USA sind nicht mehr die globale Wachstumslokomotive, und der Ruf der Wall Street als Finanzhauptstadt der Welt hat schweren Schaden genommen.

Erst wenn man diese beiden epochalen Ereignisse zusammen betrachtet, kann man ermessen, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat - und noch mehr verändern wird. Die finanzielle Überforderung Amerikas seit 2008 begrenzt den militärischen und politischen Handlungsspielraum der immer noch einzigen Supermacht. Für den Rest der Welt bedeutet das nichts Gutes: Es gibt weniger Ordnung, politisch wie wirtschaftlich. Der US-Historiker Michael Mandelbaum hat das mit seinem neuen Buch "The Frugal Superpower: America?s Global Leadership in a Cash-Strapped Era" auf den Punkt gebracht. Es gibt niemanden, der das Führungsvakuum füllen will oder kann.

Mandelbaum zeigt, dass niedrige Wachstumsraten, hohe Schulden und explodierende Sozialkosten jeden amerikanischen Präsidenten auf unabsehbare Zeit zwingen werden, die globale Rolle der USA zurückzufahren. In 20 Jahren wird der Schuldendienst der Amerikaner höher sein als ihre Verteidigungsausgaben. Wenn Washington demnächst immer häufiger sagt "Sorry, ohne uns", werden wir merken, wie selbstverständlich wir von öffentlichen Gütern "made in USA" profitiert haben. Sei es im Kampf gegen Terroristen und Diktatoren. oder wenn es darum geht, die Weltkonjunktur anzukurbeln.

Natürlich wird es viele geben, die den schwindenden Einfluss Amerikas bejubeln. Weniger Macht bedeutet auch weniger außenpolitische Fehler. Außerdem macht der Traum von einer multipolaren Welt schon seit Jahren die Runde. Nur lässt niemand den großen Worten bislang auch Taten folgen. Die außenpolitische Strategie der Europäer, die Welt mit ihrer "soft power" zu verbessern, trägt doch nur dann Früchte, wenn sie die "hard power" Amerikas im Rücken hat.

China hat zwar das Geld und die militärische Kraft zur Weltmacht. Die hohe Armut und die schnelle Alterung der chinesischen Gesellschaft binden jedoch die Kräfte noch für eine lange Zeit. Für westliche Demokraten ist außerdem die Vorstellung nicht gerade verlockend, dass kommunistische Politkommissare in Peking demnächst den Ton in der Weltpolitik angeben. Das Gleiche gilt für russische Präsidenten mit Großmachtsfantasien und Diktatoren im Mittleren Osten. Alle jene, die sich jetzt über den Niedergang Amerikas freuen, kann man deshalb nur warnen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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