Der Globalist
Fiesling Gordon Gekko lässt uns ziemlich ratlos zurück

Der Filmheld hat sich geläutert - und wir mit ihm. Aber neue Ideen, den Kapitalismus zu deuten, hat auch keiner.
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Lunch ist etwas für Schwächlinge.“ Das ist einer dieser unsterblichen Sprüche, mit denen Gordon Gekko im legendären Filmhit „Wall Street“ den Ton der Gier-Epoche der 80er-Jahre setzte. An diesem Wochenende kommt nun die Fortsetzung des Finanzklassikers in den USA in die Kinos (in Deutschland muss man noch bis zum 21. Oktober warten). Mit dem Untertitel „Money Never Sleeps“ versucht Regisseur Oliver Stone diesmal, den Zeitgeist des Turbokapitalismus 2007/08 einzufangen, um ihn dann endgültig unter den Trümmern der Wall Street zu begraben.

Die Finanzkrise hat Stone die Arbeit bereits abgenommen. Herrscht doch seitdem eine große Leere in den Köpfen. Weder Staat noch Wirtschaft haben bislang ein neues Paradigma gefunden, dem sie nacheifern wollen.

Dass sich gestandene deutsche Unternehmer in dieser Woche wieder dem Staat und den Gewerkschaften an den Hals werfen, zeigt das Ausmaß der Orientierungslosigkeit. Da fühlen sich die Konzernlenker von der Bundesregierung stiefmütterlich behandelt und fordern eine neue Industriepolitik. Klar, der Staat muss durch eine intelligente Bildungspolitik und Grundlagenforschung für gute Rahmenbedingungen sorgen. Aber wollen wir wirklich, dass Beamte darüber entscheiden, ob unsere Autos künftig mit Wasserstoff, Bio-Ethanol oder Gas betrieben werden? Bislang hat sich der Wettbewerb immer noch als das beste Entdeckungs- und Selektionsverfahren erwiesen. Industriepolitik ist meist nur Interessenpolitik für die mächtigsten Industrien im Lande.

Der totgesagte deutsche Korporatismus treibt auch in München neue Blüten. Das Versprechen von Siemens, seinen 128 000 deutschen Arbeitnehmern eine unbefristete Beschäftigungsgarantie angeblich ohne Gegenleistungen zu gewähren, klingt zu schön, um wahr zu sein. Und so ist es wohl auch. Im Kleingedruckten gibt es nämlich ab 2013 eine vierteljährliche Kündigungsfrist für das neue Bündnis für Arbeit. Oder glaubt wirklich jemand, dass Siemens – wenn es hart auf hart kommt – jede betriebswirtschaftliche Logik über Bord wirft und Hand in Hand mit den Gewerkschaften in die Verlustzone marschiert? Umso erstaunlicher ist es, dass die Münchner in derart unsicheren Zeiten, wo andere Konzerne sich nicht einmal eine Prognose für das nächste Quartal zutrauen, einen Beschäftigungspakt für die Ewigkeit abschließen. Dass die Arbeitsplatz-Garantie nur für das Inland gilt, wirft zudem die Frage auf, ob hier ein Deal auf Kosten Dritter gemacht wurde. Zwei Drittel der weltweit 400 000 Siemens-Mitarbeiter schaffen nämlich im Ausland. Verlieren die im Notfall zuerst ihren Job, wäre der Pakt nur ein verkappter Protektionismus.

In anderen Ländern ist man übrigens nicht viel schlauer. Der neue britische Premier David Cameron träumt ebenfalls von einer Industriepolitik. Nur: Camerons Tories haben das Land in den 70er- und 80er-Jahren gründlich entindustrialisiert. Frankreich verhätschelt ungeniert seine nationalen Champions. Und die USA wollen ihre Exporte in fünf Jahren verdoppeln, vergraulen aber mit ihrem protektionistischen Säbelrasseln ihre wichtigsten Handelspartner. Bleiben die Chinesen, die ihr Riesenreich von der Krise unbeeindruckt mit dem Ehrgeiz und dem Business-Plan eines schnell wachsenden Start-up-Unternehmens führen. Viele westliche Manager halten das für vorbildlich, wäre da nicht die Sache mit den fehlenden Menschenrechten.

Der Abgesang auf die „Wall Street 2“ kommt also zur rechten Zeit. Sosehr wir allerdings Gordon Gekko für seine Unmoral verachten: Die geistige Lücke, die er hinterlässt, haben wir noch nicht gefüllt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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