Der Globalist
Im Schatten von Basel III lauern neue Risiken

Die letzte Finanzkrise war im Kern eine Bankenkrise. Die nächste könnte aus einer Ecke kommen, die unsere Finanzwächter gar nicht auf ihren Radarschirmen haben.
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Erinnern Sie sich noch an das sogenannte "Merkel-Versprechen"? Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise am 5. Oktober 2008 garantierte die Bundeskanzlerin im Alleingang alle Spareinlagen in Deutschland. Zwei Jahre später haben die internationalen Finanzwächter die Eigenkapitalanforderungen an die Banken (Basel III) derart verschärft, das eine Staatsgarantie überflüssig erscheint. Oder doch nicht?

Tatsächlich gab es im heißen Herbst der Finanzkrise gar keinen "Run" auf eine deutsche Geschäftsbank. Wohl aber gab es 2008 eine Massenpanik unter jenen Anlegern, die ihre Ersparnisse in US-Geldmarktfonds investiert hatten. Erst als der Wert des amerikanischen Primary Reserve Fund unter den der eingezahlten Einlagen sank, griff die Krise von der Wall Street auf die Main Street über. Solche Fonds werden von den neuen Basel-III-Sicherungen jedoch gar nicht erfasst. Wie bei vielen anderen Nicht-Banken handelt es sich hier um Schattenwesen der Finanzwelt, deren Risiken oft übersehen werden.

Das ist nicht die einzige Lücke von Basel III. Bislang richtete sich das Hauptaugenmerk der Aufseher auf das Eigenkapital, das Banken vorhalten müssen, um Verluste aufzufangen. Das ist jedoch nur eine Seite der Medaille - nämlich der Zähler der Kapitalquote. Der Nenner ist aber genauso wichtig. Und hier lauern erhebliche Gefahren. Halten doch die neuen Regelungen genauso wie schon Basel II daran fest, dass sich die Höhe der Eigenmittel einer Bank nach ihren risikogewichteten Aktiva bemisst. Und wer gewichtet die Risiken? Das machen die Banken selbst - obwohl ihre Risikomodelle in der letzten Krise katastrophal versagt haben.

Moment mal, werden die Finanzwächter einwenden. Wir haben doch eine Verschuldungsgrenze (Leverage Ratio) von drei Prozent eingeführt, die unabhängig von den Risikogewichten gilt. Außerdem ist Basel III derart umfassend, dass sich die risikogewichteten Aktiva einiger großer europäischer Banken verdoppeln könnten. Der Nenner der Eigenkapitalquote wird also größer, und die Banken müssen Kapital nachlegen oder Aktiva abstoßen, damit der Zähler die geforderte Mindesthöhe erreicht.

Diese Vorkehrungen mildern zwar das Problem. Sie verhindern aber nicht, dass die Banker ihre Risiken selbst einschätzen. Außerdem hat Basel III unbeabsichtigte Nebenwirkungen, die uns geradewegs ins Schattenreich der Finanzwelt zurückbringen. Um sich teure Risiken vom Hals zu schaffen, stoßen derzeit viele Großbanken den riskanten Eigenhandel mit Derivaten ab. Dadurch werden die Gefahren jedoch nur zu Hedge-Fonds und anderen Nicht-Banken verschoben. Sie verleiben sich die lukrativen Geschäfte ein, bleiben aber im Schatten der Banken.

Die letzte Finanzkrise war im Kern eine Bankenkrise. Die nächste könnte aus einer Ecke kommen, die unsere Finanzwächter gar nicht auf ihren Radarschirmen haben.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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