Der Globalist
In China kommt man nur mit dem aufrechten Gang voran

Zwei Drittel der Europäer misstrauen dem Wertesystem der Chinesen. Doch für viele Unternehmer steht das Geschäft vor der Moral. Die Rechnung geht jedoch nicht auf. Eine Kolumne von Torsten Riecke.
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Von Kurt-Georg Kiesinger stammt der legendäre Satz: "Ich sage nur China, China, China." Was der Altbundeskanzler noch als Warnung vor einer gelben Gefahr meinte, hat heute den Klang einer Heilsbotschaft. Je düsterer es im Westen (sprich: Amerika) aussieht, desto mehr richten sich unsere Hoffnungen nach Osten. Sollte man die Lösung für alle Probleme der Weltwirtschaft in einem Wort benennen, würde die Mehrheit von Politikern, Ökonomen und Unternehmern vermutlich Kiesinger zitieren.

Ab und zu mischen sich in die China-Euphorie allerdings Misstöne. So beschwerten sich mit General-Electric-Chef Jeff Immelt, Siemens-Boss Peter Löscher und BASF-Lenker Jürgen Hambrecht kürzlich gleich drei westliche Industrieführer lauthals über den mangelnden Schutz geistigen Eigentums, die überbordende Bürokratie und den zunehmenden Protektionismus im Reich der Mitte. Kurze Zeit später schlug auch noch die Europäische Handelskammer in die gleiche Kerbe und moserte über massive Behinderungen ausländischer Firmen. Die Amerikaner brandmarken schon seit Jahren die Währungsmanipulationen. Dass China sehr eigenwillige Vorstellungen von Fairness hat, ist auch der Bevölkerung nicht verborgen geblieben. Nach einer neuen Umfrage des German Marshall Fund halten zwei Drittel der Europäer das westliche Wertesystem mit dem der Chinesen für unvereinbar.

Chinas Regierungschef Wen Jiabao hat diese Woche den ausländischen Kritikern die Hand gereicht. Beim "Sommer-Davos"-Gipfel der Wirtschaftselite in Tianjin sprach er von "Missverständnissen". Zugleich bekräftigte Jiabao aber die nationalistische Marschroute "China first". Damit stellte er klar, dass der Staat einheimische Firmen auch in Zukunft bevorzugen und ausländische Handelspartner diskriminieren wird. Die Lage wird sich also so schnell nicht ändern.

Und die aufmüpfigen Unternehmer? Sie schweigen wieder. GE-Chef Immelt hat sich gar von seinen Äußerungen distanziert. Als ich ABB-Chef Joe Hogan nach seiner Einschätzung fragte, kam kein Wort der Klage über seine Lippen. Viele Manager fürchten offenbar zu sehr um ihre wirtschaftlichen Chancen, als dass sie ein offenes Wort riskieren. Das Beispiel Google spricht Bände. Erst begehrte der Internetanbieter gegen die chinesische Zensur auf. Dann gaben die Amerikaner klein bei, um ihre Lizenz nicht zu gefährden. Ein aufrechter Gang sieht anders aus.

Ein Kotau vor den Machthabern in Peking wird sich auf Dauer jedoch nicht auszahlen. Bereits jetzt gilt der Westen in China als moralisch schwach. Lassen sich die ausländischen Konzerne weiter gegeneinander ausspielen, ermutigen sie damit Peking nur, seinen modernen Merkantilismus auf die Spitze zu treiben. Ernst nimmt China nur jene Wirtschaftsführer, die höflich im Ton, aber hart in der Sache ihre Interessen vertreten. Wenn wir das nicht beherzigen, wird Kiesinger mit seiner Warnung doch noch recht behalten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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