Der Globalist
Nicht die Märkte, sondern die Politik spielt verrückt

Die Fliehkräfte der Währungsunion sind überall spürbar. Jetzt hilft nur noch mehr Mut und Entschlossenheit, um sie zusammenzuhalten.
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Stellen Sie sich vor, es gibt Freibier, und keiner geht hin. Das ist die aktuelle Situation auf dem Markt für europäische Staatsanleihen. Obwohl Europas Staatschefs den Investoren bis weit nach 2013 risikolose Gewinne zugesichert haben, verkaufen die ihre Papiere aus den Schuldnerländern, als gäbe es kein morgen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erklärt das Verhalten der Anleger deshalb schlicht für irrational. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) spricht von „dysfunktionalen“, also gestörten Märkten. Sie hat deshalb ihre Liquiditätshilfen und den Ankauf von Euro-Anleihen gerade verlängert. Den Ausverkauf wird auch das nicht stoppen. Die Märkte sind nicht verrückt geworden. Sie reagieren nur panisch auf ein eklatantes Politikversagen.

Bereits das Irland-Paket steckt voller handwerklicher Fehler. Der geforderte Zinssatz für die Nothilfen liegt mit sechs Prozent nicht nur weit über dem Satz, den der Internationale Währungsfonds (IWF) in solchen Fällen fordern würde. Er treibt die Iren zudem immer weiter in die Schuldenfalle. Erneut wurde die Chance vertan, die Gläubiger der irischen Banken an deren Sanierung zu beteiligen. Und schließlich verschiebt der neue Krisenmechanismus einen möglichen „Hair-Cut“ für die Gläubiger der überschuldeten Euro-Staaten bis weit nach 2013.

Die Botschaften aus Berlin, Brüssel und Paris sind weder eindeutig noch konsistent. Wie sollen Investoren der Einladung bis 2013 trauen, wenn doch die Gefahr groß ist, dass einige gefährdete Euro-Länder bereits vorher unter der Schuldenlast zusammenbrechen? Und selbst wenn der Rettungsschirm bis dahin hält, ist ein späterer Schuldenschnitt für die Anleger unkalkulierbar, da er keinen festen Regeln folgt.

Wünschenswert, aber unpraktikabel ist die Forderung, Finanzhilfen anderer Euro-Staaten könne es erst nach einem Hair-Cut geben. Eine Umschuldung kommt entweder als Paketlösung oder gar nicht. Angesichts solcher Fehler darf man sich nicht wundern, wenn die Zweifel am Fortbestand des Euros wachsen.

Die Fliehkräfte der Währungsunion sind überall spürbar. Etwa, wenn nicht nur Banken aus den Schuldnerländern, sondern auch deren Industrieunternehmen ihren Kredit an den Kapitalmärkten verlieren. Oder wenn die portugiesische Notenbank einräumt, dass die EZB über ihre Bankenhilfen indirekt das Haushaltsdefizit in Lissabon finanziert.

Wir haben einen Punkt erreicht, an dem nur noch ein Befreiungsschlag der EZB die Panik bremsen kann. Doch im Euro-Tower, das wurde gestern noch einmal deutlich, gibt es keine Mehrheit für einen massenhaften Ankauf von Staatsanleihen. Mit einem solchen Befreiungsschlag würde man ohnehin nur Zeit gewinnen. Die Konstruktionsfehler der Währungsunion würden damit nicht beseitigt. Weder würde die Schuldenlast für Griechenland sinken, noch würde Portugal dadurch wettbewerbsfähiger.

Da sich weder die Politik noch die EZB zu einem Befreiungsschlag durchringen können, wird der Euro weiter kriseln. Doch die Spannungen an den Märkten können nicht ewig andauern. Entweder fliegt uns die Währungsunion wie 1992 das Europäische Währungssystem um die Ohren, oder die Politik findet in letzter Minute doch noch einen geordneten Ausweg aus der Krise.

Die Richtung, in die wir marschieren müssen, ist bekannt: Rekapitalisierung der Banken, Schuldenschnitt für private Investoren und ein Sparkurs, der das Wachstum nicht abwürgt. Die Transferunion, gegen die man sich in Berlin noch öffentlich sträubt, hat längst begonnen. Nur wird sie uns schrittweise aufgezwungen, anstatt dass wir sie gestalten. Die Fliehkräfte der Währungsunion sind überall spürbar.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Der Globalist: Nicht die Märkte, sondern die Politik spielt verrückt"

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  • Nehmen Sie nur die anscheinend unfehlbaren Märkte in Schutz. Aber warten wir auf die Enthüllungen von Wikileaks ! Das ist ja schon etwas angekündigt worden.
    Und die behauptung, daß die EZb noch viel entschiedener handeln muß, da ansonsten die Währungsunion zugrunde geht, ist einfach nur Spekulation. Die scheinbar unentschlossene Politik der EU hat bisher verhindert, daß der Euro massiv an Wert gewonnen hat und das ist gut für die Wirtschaft der Euroländer, insbesonders deren Problemländer. insofern ist vielleicht gerade diese Politik die beste !

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