Der Globalist
Rest der Welt an Amerika: Hannemann, geh du voran!

Alle reden jetzt von der multipolaren Welt. Und alle verlassen sich nach wie vor darauf, dass die USA die Richtung vorgeben.
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Wenn Modewörter aus der Mode kommen, sind sie meist zum kollektiven Allgemeingut geworden. Das Schlagwort von einer "multipolaren Welt" erleidet gerade dieses Schicksal. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich aus Anlass der Feierlichkeiten zum Fall der Berliner Mauer die Supermacht Amerika aufforderte, sich mit einer multipolaren Welt anzufreunden, nahm kaum jemand Notiz davon. So wie es jahrelang als Selbstverständlichkeit galt, dass die Welt von den USA dominiert wurde, so scheinen sich nach der Finanzkrise alle einig zu sein, dass sich die Macht der Welt jetzt auf mehrere Schultern verteilt hat.

Manchmal eilt die Mode ihrer Zeit allerdings so weit voraus, dass man altmodisch sein muss, um noch auf der Höhe seiner Zeit zu bleiben. Das Wunschdenken von einer multipolaren Welt ist dafür ein Beispiel par excellence. Die Welt hat den Führungsanspruch Amerikas bereits abgeschrieben und kann doch ohne "leadership" der alten Supermacht weder wirtschaftlich noch politisch, noch militärisch leben.

Dass gerade Frau Merkel den USA die Zeichen der multipolaren Zeit erklärt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gehörte die Bundeskanzlerin doch zu den treibenden Kräften, die dafür gesorgt haben, dass die Spitzenpositionen der Europäischen Union mit zwei Namenlosen besetzt wurden. Lady Ashton und der Belgier Herman van Rompuy mögen zwar für das komplizierte Innenleben der Gemeinschaft die richtige Wahl sein. Ein Signal nach außen, dass Europa künftig ein gewichtiges Wort in der Welt mitreden will, sind sie sicher nicht. Und so ist es nicht überraschend, dass die Kanzlerin ihre multipolaren Ambitionen schnell wieder vergessen hatte, als es vor kurzem darum ging, den USA in Afghanistan mit mehr deutschen Truppen zur Seite zu stehen.

Wie wenig auf der internationalen Bühne ohne Amerika geht, zeigt auch der Klimagipfel. Erst seitdem US-Präsident Obama sich bewegt und ernsthaft darangeht, die Treibhausgase zu verringern, bewegt sich etwas in Kopenhagen. Als der zweitgrößte Klimakiller nach China stehen die USA besonders in der Pflicht. Die Chinesen haben sich zwar ebenfalls ehrgeizige Klimaziele vorgenommen, deren Erreichen aber davon abhängig gemacht, dass ihr rasantes Wirtschaftswachstum unter dem Umweltschutz nicht leiden darf. Führung sieht anders aus. Das gleiche Bild kennzeichnet die festgefahrenen Gespräche um eine Liberalisierung des Welthandels. Der Rest der Welt wartet darauf, dass Amerika endlich die Doha-Runde zum Erfolg führt. Indien und China ducken sich weg.

Am weitesten klaffen jedoch Wunsch und Wirklichkeit in der noch wenig multipolaren Weltwirtschaft auseinander. Richtig ist, dass China und andere Schwellenländer mit ihren hohen Wachstumsraten derzeit zu den wenigen Lichtblicken am Konjunkturhimmel zählen. Wer jedoch im aufstrebenden Reich der Mitte bereits die neue Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft sieht, sollte folgende Zahlen im Kopf behalten. Das Bruttoinlandsprodukt Chinas ist, gemessen in Kaufkraftparitäten, etwa halb so groß wie das der USA. Der chinesische Konsum entspricht rund einem Viertel des US-Verbrauchs. Und die Kaufkraft der Amerikaner ist 16-mal größer als die der Chinesen.

Verglichen mit dem durch die Krise demolierten US-Truck hat China wirtschaftlich immer noch die Zugkraft einer Rikscha. Wer also in Europa von einer multipolaren Welt schwärmt, hat viele Möglichkeiten, Führungsstärke zu zeigen. Ein stärkerer Beitrag zum Wachstum der Weltwirtschaft wäre ein guter Anfang.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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