Derivate
Die entscheidende Annahme

Das anhaltende halsbrecherische Wachstum auf den Derivate-Märkten, besonders auf denen, die sich um Kredite drehen, war früher als ein Zeichen für den innovativen Scharfsinn der Banker bejubelt worden. Aber seitdem die Kreditkrise die Zerbrechlichkeit der Wall Street aufgedeckt hat, sieht die schnelle Expansion wie eine Unheil verkündende Entwicklung aus.

In den guten Jahren war das blitzschnelle Wachstum der Kreditderivate als Erfolgsgeschichte der Wall Street gefeiert worden. Aber seitdem die Kreditkrise die Zerbrechlichkeit des Finanzsektors und die Fehler im Risikomanagement der Banken zu Tage gefördert hat, sieht diese Entwicklung langsam bedrohlich aus.

In Umlauf befindliche Kreditderivate sind allein in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres um 37 Prozent gestiegen und deckten am Jahresende Schuldtitel über rund 62 Bill. Dollar ab, berichtet der Branchenverband International Swaps and Derivatives Association (Isda). Da die CDO-Maschine, die eine Menge an Default Swaps zum Handeln von Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen verschlungen hatte, zu diesem Zeitpunkt schon schwer stotterte, spiegelt der Spitzenwert beim Volumen zum größten Teil die Versuche wieder, entweder auf den Zusammenbruch des Kreditmarkts zu setzen oder sich dagegen abzusichern.

Dafür sind Kreditderivate schließlich auch da. Aber die Expansion des Derivate-Markts insgesamt führt zu beunruhigenden Fragen. Diese Kontrakte über 455 Bill. Dollar haben das Finanzsystem in ein Netz an wechselseitigen Beziehungen der Gegenparteien eingesponnen, das die Auswirkungen kleiner Probleme schnell aufbauschen und weiterverbreiten könnte.

Denn ein Derivat wird nicht einfach gestrichen, wenn es nicht mehr länger gebraucht wird. Vielmehr wird ein neues, spiegelbildliches Derivat geschaffen, um das erste aufzuheben. Und die Banken saldieren den Großteil ihrer Engagements gegenüber den verschiedenen Gegenparteien. Deshalb beläuft sich die Nettokreditbelastung aus diesen 455 Bill. Dollar auf lediglich 2,3 Bill. Dollar. Das ist weniger, als der S&P-500-Index während eines Bärenmarkts verliert.

Aber diese Rechnung geht von der Annahme aus, dass jeder im Markt seine Verbindlichkeiten auch wieder ausgleicht – was bedeutet, dass sich große Händler wie Bear Stearns oder Kreditversicherer nicht einfach plötzlich davonmachen dürfen. Selbst das Scheitern eines kleinen Marktteilnehmers könnte Sand ins Getriebe bringen, während die Gegenparteien sich darüber klar zu werden versuchen, ob sie sich gerade einen Sack voll Risiken aufgeladen oder ihn abgestoßen haben.

Banken versuchen, ihre Engagements zu decken, vor allem indem sie Sicherheiten verlangen. Aber laut Isda unterliegen 37 Prozent der nicht notierten Derivate keinen Vereinbarungen über Sicherheiten. Zudem war der Wertverlust bei den Kreditsicherheiten ein starker Antriebsfaktor der Kreditkrise. Ein solches Szenario lässt sich auch auf die Welt der Derivate übertragen. Wenn dem so ist, würden sich die beruhigenden Annahmen über die Nettokreditbelastung als illusorisch erweisen.

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