Dervivate
Der Teufel steckt im Detail

Das Säbelrasseln von US-Finanzminister Geithner beim Umbau des fast 600 Bill. Dollar schweren Derivatmarkts hat Wirkung gezeigt. JPMorgan, Goldman Sachs und Konsorten haben jetzt versprochen, die Risiken zu reduzieren und die Transparenz zu erhöhen. Doch es wird darauf ankommen, wie ihre noch nicht ganz wasserdichten Grobentwürfe letztendlich umgesetzt werden.
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Das Säbelrasseln von US-Finanzminister Timothy Geithner bezüglich des Umbaus des fast 600 Bill. Dollar schweren Derivatmarkts scheint sich ausgezahlt zu haben. Er hatte die Gesetzgeber im vergangenen Monat darum gebeten, die aufsichtsrechtlichen Vorschriften zu ergänzen, um eine Reihe von Marktreformen umzusetzen. Branchenvertreter, darunter große Derivathändler unter den Banken wie JPMorgan und Goldman Sachs, haben in der Zwischenzeit versprochen, bis zum Jahresende Geithners Wunschliste zum größten Teil zu übernehmen. Aber der Teufel steckt auch hier im Detail.

Die Obama-Regierung macht die bilaterale Natur von Produkten wie Credit Default Swaps, die nicht öffentlich im Freiverkehr gehandelt werden, dafür verantwortlich, dass ein Netz der gegenseitigen Abhängigkeiten entsteht. Die Gefahr dabei ist, dass Schwierigkeiten bei einer Firma - wie etwa der American International Group - andere Unternehmen mit in den Abgrund reißen. Zudem verlangt die Regierung, dass die Branche mehr Informationen zu den Kursen und den Umsätzen zugänglich macht. Im Mittelpunkt mögen zwar Kreditderivate stehen, aber die Initiative bezieht alle Arten von Derivaten mit ein, darunter auch die gigantischen Märkte für Instrumente wie Zins-Swaps.

Die US-Regierung hat nun nicht gleich gefordert, dass Derivate an den Börsen gehandelt werden sollen. Aber sie besteht darauf, dass das Clearing von einem zentralen Institut vorgenommen wird, das den Nutzern gehört oder zumindest von ihnen weitgehend getragen wird. Durch diese zentrale Gegenpartei, kurz CCP, werden die Risiken gestreut, sollte einer der Teilnehmer scheitern. So gehen in der Regel Börsen vor, und bestehende Clearingstellen befinden sich zumeist im Besitz der Börsenbetreiber oder sind eng mit ihnen verbunden.

Die großen Derivathändler und Investmentgesellschaften haben versprochen, intensiver daran zu arbeiten, dass das Clearing von Handelabschlüssen, besonders auf den Märkten für Kreditderivate, über CCPs bis zum Jahresende sicher gestellt werden kann. Doch tauchen immer wieder Probleme auf. So ist bis jetzt noch nicht geklärt, wie die Marktteilnehmer, abgesehen von den großen Händlern, Zugang zu den CCPs erhalten sollen. Wenn zum Beispiel Hedge Fonds die Händler dafür bezahlen müssen, Zugang zu erhalten, könnte sich dies als weitere mögliche Streitquelle erweisen. Und elektronische Plattformen für Derivate könnten schließlich auch in einen Konkurrenzkampf mit den CCP-Eigentümern treten, um die effizientesten Dienste anzubieten.

Und dann geht es auch um den fairen Wettbewerb. Die meisten großen Kreditderivathändler sind Mitglieder des ICE Trust, der zur IntercontinentalExchange in Atlanta gehört. Sie werden ab dem kommenden Jahr die Hälfte seiner Clearing-Einnahmen einsammeln, was ihnen einen Anreiz liefert, dem ICE Trust Kunden zuzuleiten. Das erschwert es anderen Aspiranten wie zum Beispiel dem Terminmarktgiganten CME aus Chicago sich als Derivat-Clearingstelle zu etablieren.

Dies wiederum könnte zu einer Besorgnis erregenden Konzentration von Risiken führen. Es wäre etwas effizienter, jeweils eine CCP für jede Art von Derivatkontrakt einzurichten - also jeweils für Aktien, Zinsen, Kredite uns so weiter. Die Nutzer könnten etwa die erforderlichen Einschusszahlungen an den Nettopositionen festmachen. Auf alle Fälle wäre es besser, die Risiken auf mehr als eine Clearingstelle zu verteilen - besonders wenn deren Eigentümer oder Nutzer für die möglichen Gesamtverluste nur begrenzt haften und deswegen keine allzu große Risikodisziplin walten lassen müssten.

Damit sollen die bisher erzielten Fortschritte nicht klein geredet werden. Aber es gibt immer noch jede Menge Streitpotenzial. Damit die Eigeninteressen der Branchenführer nicht mehr länger den Abbau der Systemrisiken abbremsen, muss Geithner vielleicht doch noch einmal mit den Säbeln rasseln.

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