Deutsche Einheit
Gemeinsam gegen den Markt

Eine Zeit lang sah es so aus, als untergrübe der Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren den Kapitalismus mit typisch deutschem Anstrich. Doch diese Spielart des Kapitalismus, die auf hohen Löhnen, technischen Fortschritt, Industriekooperationen und langfristige Bankfinanzierungen basiert, konnte die Zeitenwende überdauern.
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Das Ende des DDR-Regimes brachte zuerst politischen Freudentaumel, dann wirtschaftliche Sorgen. Dieses Fünftel der Bevölkerung erreichte nur 35 Prozent des westdeutschen Produktivitätsniveaus.

Mitte der 90er Jahre sah man die Einheit oft als ökonomische Katastrophe. Während sich die Produktivität der arbeitenden Bevölkerungsteile stetig anglich stieg die nationale Wachstumsrate langsam und die Arbeitslosigkeit erreichte insbesondere im Osten unannehmbare Höhen.

Kritiker betrachteten das deutsche Modell als zu unflexibel für den Osten, aber auch für einen immer stärkeren Wettbewerb auf den Weltmärkten. Sie rieten, alle möglichen Regularien aufzuweichen: gelockertes Arbeitsrecht, weniger staatliche Unterstützung, verringertes industrielles Kartelldenken, mehr Börsengänge.

Bis zu einem gewissen Grad bekamen die Reformer ihren Willen. Arbeitslosigkeit verlor an Attraktivität, Großbanken verkauften den Großteil ihrer Konzernaktien und die Regierung zog sich aus dem Finanzsystem zurück.

Die Umstürzler kamen jedoch nicht weit, denn es war nicht nötig. Die Arbeitslosenzahlen fielen, unter anderem wegen der Reformen. Die Industrie produzierte einen riesigen Handelsüberschuss und das Wachstum nahm Tempo auf.

Gleichwohl ist die Einheit kein absoluter wirtschaftlicher Erfolg. Noch immer leidet der Osten unter hoher Arbeitslosigkeit und benötigt überproportional viel Staatshilfe. Doch der Zerfall hat nachgelassen.

Die Finanzkrise hat eine große Rezession mit sich gebracht, aber auch den Kritikern des deutschen Stils das Wasser abgegraben. Der wettbewerbsorientierte Kapitalismus leidet an seinen eigenen Krankheiten. Deutschland macht einen widerstandsfähigen Eindruck. Exportbestellungen steigen bereits wieder, die Arbeitslosigkeit fällt. In England, dem Vorreiter des freien Marktes, geht der Trend dagegen weiterhin abwärts.

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