Die Angst ist erschreckend
Das Finanzsystem muss mit einem toxischen Schock fertig werden

Dank der Bank of America wird der Lehman-Zusammenbruch nicht auch zum Kollaps bei Merrill führen. Aber die eng verflochtene Kreditwirtschaft muss immer noch mit drei ernsthaften Gefahren fertig werden: dem technischen Kollaps, Finanzierungsproblemen und der Angst an sich. Die Behörden werden erschreckend hohe Summen investieren müssen, um den Wundbrand abzuwehren.

Was kommt als Nächstes: Die Kreditinfektion, die das weltweite Finanzsystem verwüstet, hat am Sonntag ihr jüngstes Opfer gefordert Lehman Brothers. Der nächste Kandidat, Merrill Lynch, stand schon fest, fand aber im letzten Moment Schutz bei der relativ gesunden Bank of America. Das heißt jedoch nicht, dass die Finanzwelt die Infektion überwunden hat.

Um einen Anfang zu machen, Lehman hat verloren, ist aber noch nicht aus dem Spiel. Die Unternehmenspositionen müssen nun unter Druck abgewickelt werden. Durch den Zusammenbruch müssen zahlreiche Credit Default Swaps aufgelöst werden. Seit der Bear-Stearns-Rettungsaktion im März haben sich die Behörden wie auch die gesamte Branche auf eine technische Herausforderung wie diese vorbereitet, aber diese Vorbereitung hat etwas von der Stilllegung eines Atomkraftwerks. Es kann viel schieflaufen. Dann sind da die Finanzierungsprobleme, die das Immunsystem des Finanzmarkts schon stark angegriffen haben. Die Abwicklung des Lehman-Portfolios wird noch weitere Preise unter Druck setzen und Nachschusspflichten auslösen. Hedgefonds und andere Hebelprodukte sind am anfälligsten, aber in der stark verflochtenen Kreditwirtschaft kann sich der Liquiditätsengpass auch schnell in viele weitere Richtungen ausbreiten.

Schließlich ist auch die Angst eine gefährliche Emotion. Und Gründe, um ängstlich zu sein, gibt es viele. Anleger werden sich von ihren risikoreichen Anlagen trennen wollen, Banken werden versuchen, ihre Kapitalbasis zu stärken und Fonds, die über Barreserven verfügen, werden sich mit Investitionen zurückhalten. All diese Verhaltensweisen sind rational, aber ihre Kombination kann ein bereits angeschlagenes Finanzsystem an den Rand des Todes bringen.

Die Behörden können da nicht einfach zusehen. Die US-Regierung hat es zwar abgelehnt, die Lehman-Übernahme zu subventionieren, aber die Federal Reserve weitet ihre finanzielle Unterstützung aus. Sie akzeptiert zum Beispiel Aktien als Sicherheiten für ihre immer umfangreicheren Liquiditätsprogramme. In der Eurozone bot die Europäische Zentralbank am Montag im Rahmen einer Ein-Tages-Auktion unbegrenzt Liquidität an.

Der neue 70-Milliarden-Dollar-Fonds der Bankenbranche ist zwar ein nobler Versuch, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu ziehen, er ist aber zu klein, um Bedeutendes zu bewirken. Washington Mutual oder American International Group, die nächsten Kandidaten mit ernsthaften Schwierigkeiten, gehören nicht einmal zum Kreis der Zugriffsberechtigten. Vor dem Hintergrund der immer noch fallenden Vermögenswerte besteht die einzige Medizin, die den finanziellen Wundbrand aufhalten kann, in beunruhigend großen Summen ausländischen Kapitals. Das riecht nach einer Aufgabe für Regierungen.

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