Dollar
Verschwenderisch hohe Löhne

Die Globalisierung sollte dazu führen, dass sich die Arbeitskosten in den USA und den aufstrebenden Märkten einander angleichen. Die hohe Arbeitslosigkeit in Amerika und eine ausgezeichnete Steigerung der Produktivität lassen darauf schließen, dass dieser Prozess schmerzhaft schnell ablaufen könnte.
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Amerikanische Beschäftigte sind überbezahlt, vergleicht man sie mit ihren Kollegen im Ausland, die bei der gleichen Arbeit ähnlich produktiv sind. Falls die Weltwirtschaft je wieder ein Gleichgewicht erreichen sollte, muss diese Kluft geschlossen werden.

Natürlich sollten die Arbeiter in den USA mehr verdienen als ihre Kollegen in China, Moldawien oder Vietnam. Die Amerikaner nehmen den Vorteil der höheren Produktivität wahr, die ihr Land reich macht: eine bessere Bildung und Infrastruktur, Kapital im Überfluss und ein höher entwickeltes Arbeitsethos. Aber um wie viel höher sollten die US-Löhne liegen?

Die Antwort hängt zu einem großen Teil von zwei Maßstäben ab: von der Differenz bezüglich der Produktivität bei der Herstellung von Waren, die grenzüberschreitend gehandelt werden können, und von der Menge dieser handelbaren Güter. Beide Messgrößen deuten auf eine schrumpfende Lohndiskrepanz hin.

Es gibt so viele Faktoren, die dazu beitragen, die Produktivität in ärmeren Ländern anzuheben. Eine schnelle Entwicklung, billiges Kapital und effizientere Transportwege wirken allesamt dabei mit, Fabriken im Ausland besser für den Wettbewerb zu rüsten. Die billige globale Kommunikation über das Internet führt zur Senkung der unterschiedlichsten Kosten und erleichtert es, mit viel mehr Gütern zu handeln und besonders Dienstleistungen zu erbringen.

Die globale Lohnlücke hat sich zwar schon verengt, aber die jüngsten US-Arbeitsmarktstatistiken lassen darauf schließen, dass die Anpassung noch nicht weit genug fortgeschritten ist.

Ein Indikator dafür ist die Arbeitslosigkeit, die in diesem Abschwung unerwartet schnell gestiegen ist. Die 7,3 Millionen Stellen, die bisher verloren wurden, belaufen sich auf mehr als das Dreifache der zwei Millionen Arbeitsplätze, die während der zweitschlimmsten Nachkriegsrezession in den Jahren 1980 bis 1982 eingebüßt wurden. Ein Teil dieser immensen Zunahme lässt sich mit den Turbulenzen erklären, die den ungewöhnlich ausgeprägten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts begleiteten. Aber es könnte auch noch ein anderer Aspekt eine Rolle spielen: Die Rezession hat offen gelegt, dass viele Beschäftigte mehr Geld bekommen, als ihre Arbeit wert ist.

Ein mögliches anderes Signal besteht in der enormen Steigerung der berichteten Produktivität, die bereits einsetzte, als die Produktion immer noch rückläufig war. Das legt nahe, dass Teile der Produktion vollständig ausgelagert werden, und zwar oft an schlechter bezahlte Arbeiter im Ausland.

Das ausufernde US-Handelbilanzdefizit - das zwar halbiert wurde, sich aber immer noch auf einem alarmierend hohen Niveau befindet - deutet ebenfalls darauf hin, dass die Amerikaner überzogen hohe Löhne erhalten. Eine Erklärung für die attraktiven Preise importierter Güter liegt darin, dass die Vergütung der US-Arbeiter im Vergleich zu ihren Kollegen im Ausland zu hoch ist.

Die Annäherung des weltweiten Lohnniveaus ist großartig für die Armen, aber hart für die überbezahlten Reichen. Es lässt sich mit Zahlen belegen, dass US-Arbeiter im verarbeitenden Gewerbe im Durchschnitt Kürzungen der Reallöhne um bis zu 20 Prozent hinnehmen müssten, um das globale Gleichgewicht wieder auszutarieren.

Der erforderliche Schnitt dürfte weniger tief gehen. Aber wenn die US-Löhne wie in den dreißiger Jahren hartnäckig über dem Niveau verharren, zu dem auf dem globalen Markt ein Gleichgewicht erreicht wird, dann könnte sich im Ergebnis durchaus eine Arbeitslosigkeit einstellen, die sich der damals erreichten Höhe nähert.

So ziemlich alles wäre besser als das. Eine Kombination aus einer moderaten Inflation, um die Reallöhne zu verringern, und ein weiterer Rückgang des realen handelsgewichteten Werts des Dollar könnte ein akzeptables Zusammenspiel ergeben.

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