Edward Kennedy
Gigant mit Fehlern

Wie Henry Clay war auch Edward Kennedy ein mit vielen Fehlern behafteter aber außerordentlich wichtiger Abgeordneter, wichtiger noch als viele Präsidenten. Wie Clays Nationalismus verkörpert Kennedys Karriere ein fragwürdiges Prinzip, das des Staates als Versorger. Obamas Gesundheitsreform könnte zum Erbe Kennedys werden.
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Edward Kennedy, der US-Senator, der am Dienstag verschied, hatte Fehler, aber er war auch von herausragender Bedeutung - wohl wichtiger als viele zeitgenössische Präsidenten. Damit erinnert er an seinen großen Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert, den Politiker Henry Clay. Wie Clays Nationalismus verkörpert auch Kennedys Karriere ein fragwürdiges Prinzip, das des Staates als Versorger. Obamas Gesundheitsreform könnte sich als Erbe Kennedys entpuppen, so wie der Kompromiss von 1850, der die Union zusammenhalten sollte, zum Erbe Clays wurde.

Clay hatte seine Fehler, sowohl persönlich (Duelle, zweifelhafte Geschäfte mit Ländereien) als auch politisch (als Sprecher des Repräsentantenhauses, der Amerika in den Krieg von 1812 drängte). Kennedys persönlicher Fehler, sein Verhalten in der Chappaquiddick-Tragödie von 1969, wurde durch den Verlust seiner beiden Brüder in den vorangegangenen sechs Jahren durch Attentate gemildert. Kennedys Äquivalent zu Clays Krieg von 1812 war die Nominierung von Robert Bork für den Obersten Gerichtshof, gegen die er so lange opponierte, dass es in der Folge zu einer Veränderung des gesamten Auswahlverfahrens kam.

Dennoch gewannen Clay und Kennedy eine Bedeutung für den Senat, die größer war und länger anhielt als die vieler zeitgenössischer Amtsträger im Oval Office. An Clay erinnern sich heute mehr Menschen als an Tyler, Van Buren oder Fillmore. Genauso wird der Einfluss Kennedys im Jahr 2020 wahrscheinlich deutlicher sein als der von Ford, Carter oder George H.W. Bush.

Kennedys Leitprinzip war das eines größeren Staatssektors, der umfangreichere Leistungen für Bedürftige zu Verfügung stellt und der der Gesellschaft höhere Steuern auferlegt, um die größeren Ausgaben zu finanzieren. Mit seinen Forderungen nach einer breiteren Verwaltung und höheren Steuern war Kennedy weitgehend unempfindlich gegen die wirtschaftliche Belastung, die von der ineffizienten Staatswirtschaft ausging.

Im Besonderen war Kennedy ein konsistenter Befürworter einer staatlich finanzierten Gesundheitsfürsorge. Er stimmte 1965 für das Medicare-Programm und seine mehrfachen Erweiterungen in den darauffolgenden Jahren, unterstützte Präsident Clintons Gesundheitspläne in den Jahren 1993/94 und förderte als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, Arbeit und Renten die Senatsversion von Präsident Obamas Vorschlägen zur Gesundheitsreform. Die Kennedy-Vorlage enthält unter anderem den individuellen Auftrag zum Einkauf von Krankenversicherungsleistungen, den Auftrag an die Arbeitgeber sie zur Verfügung zu stellen, das Verbot für die Versicherungen Risikozuschläge zu erheben und ein öffentliches Versicherungsprogramm, das mit den Angeboten der Versicherungsunternehmen konkurriert.

Clays Erbe, der Kompromiss von 1850, kulminierte zehn Jahre später im Bürgerkrieg. Wird die Gesundheitsreform zum Kennedy-Erbe, muss seine Partei hoffen, dass ihr ein besseres Schicksal bestimmt ist.

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