Ein Problem der Auffassung
Einen Minenfeld wartet auf Rio Tinto

Rio Tinto bietet asiatischen Kunden angeblich vorübergehend einen Preisnachlass von 20 Prozent an. Berichte dieser Art könnten der Bergwerksgesellschaft ungelegen kommen, während sie gerade auf Schmusekurs zu China geht, um neues Kapital über 20 Mrd. Dollar einzusammeln.
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An sich ist nichts weder gut noch schlecht, das Denken macht es erst dazu. Mit diesem Problem hatte schon Hamlet zu kämpfen und es bereitet jetzt auch Rio Tinto enormes Kopfzerbrechen. Gerade führt die britisch-australische Bergwerksgesellschaft nämlich intensive Verhandlungen mit chinesischen Stahlherstellern über den Preis für ihren ein Jahr geltenden Eisenerzkontrakt. Da taucht ein Bericht auf, demzufolge Rio seinen Hauptkunden vorübergehend einen Preisnachlass um 20 Prozent einräumen will. Das Unternehmen lehnt eine Stellungnahme ab. Und ohnehin haben Gerüchte während dieser überaus vertraulichen Gespräche immer Hochkonjunktur. Da jedoch Rio gegenüber China auf Schmusekurs bleiben will, um Kapital über 20 Mrd. Dollar zu erlösen, haben solche Geschichten einen unerwünschten Widerhall.

Im vergangenen Jahr, als die Rohstoffpreise in die Höhe schossen, hatten Rio und seine Konkurrenten, Vale und BHP Billiton, die chinesischen Stahlhersteller zu Preisen verdonnert, die fast doppelt so hoch waren wie vorher. Dieses Jahr ist es genau umgekehrt. Der Spot-Kurs zum sofortigen Kauf von Eisenerz ist auf nur noch zwei Drittel des Preises gesunken, den die Stahlhersteller per Kontrakt zahlen. Das reizt die Kunden dazu, vertragliche Vereinbarungen nicht zu erfüllen und billigeres Eisenerz auf dem offenen Markt zu kaufen.

Einen Rabatt anzubieten, wäre, wenn es stimmt, der logische Weg, um die eigenen Marktanteile zu schützen. Eine Kürzung um 20 Prozent ist immer noch viel geringer als die Nachlässe von 50 Prozent, die die Stahlproduzenten verlangen. Darüber hinaus ist die Zahl nicht wirklich von Bedeutung. Wenn die Verträge erst einmal endgültig abgezeichnet sind, dann werden die Preise zurückdatiert. Was immer die Stahlhersteller jetzt auch zahlen, wird ihnen später also teilweise zurückerstattet.

Trotzdem ist der Vorgang peinlich für Rio. Die Minengesellschaft verkauft Vermögenswerte und wandlungsfähige Wertpapiere über rund 20 Mrd. Dollar an Chinalco, die staatliche chinesische Metallgruppe, um ein Loch in ihrer Bilanz zu stopfen. Die anderen Aktionäre sind nicht allzu begeistert über die Aussicht, dann einen Vasallen des größten Kunden von Rio mit an Board zu haben.

Rio hält dagegen, dass die Behörden, die Chinalco kontrollieren, nicht in der Lage sein werden, die Preisfestsetzung bei Eisenerz zu beeinflussen, selbst wenn Chinalco Großaktionär mit direkten Beteiligungen an den Minenaktiva ist. Aber Rio wird sich mit dem Problem herumschlagen müssen, gute Beziehungen zu seinem größten Aktionär und den neuen Board-Mitgliedern aufrecht zu erhalten. Das ebnet den Weg für allerlei Spielarten der indirekten Einflussnahme, da die Höhe der Eisenerzrechnung Chinas die Stimmung von Chinalco diktieren könnte. Berichte über "Freundschaftspreise" werden Rio sicher nicht dabei helfen, den Deal den Investoren schmackhaft zu machen.

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