Europa
Osteuropa trifft die Krise hart

Die Rezession in der Eurozone ist vorbei, doch das Leiden wird fortdauern. Das französische Wirtschaftsmodell war äußerst erfolgreich, aber auch sehr teuer. Deutschland wartet auf ein Wiederaufleben der Exporte. Doch die eigentlichen Schmerzzonen finden sich an Europas Peripherie.
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Das Herz der Eurozone schlägt ein bisschen kraftvoller. Die Rezession ist in Frankreich und Deutschland an ihr Ende gekommen. Aber der Rückgang der Produktion in diesen Ländern war schroff. Und im Jahr 2010 winkt ein nur laues Wachstum. In Spanien, Irland, Italien, Portugal und Griechenland sieht es noch düsterer aus. Und an der Peripherie der Eurozone ist es fraglich, ob es überhaupt zu einer echten Erholung kommen kann. Dort ist die Wettbewerbsfähigkeit verloren gegangen, die Schulden sind hochgeschnellt und angesichts der Einheitswährung ist eine Abwertung keine Option mehr.

Das wirtschaftliche Modell Frankreichs hat sich zum Star gemausert. Das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte nach Aussagen des Premierministers Francois Fillon im laufenden Jahr nur um 2,25 Prozent sinken. Das oft verspottete Frankreich hat sich als flexibler und belastbarer erwiesen als andere führende Volkswirtschaften.

Die unerwarteten Vorzüge des französischen Modells müssen abgewogen werden, doch dessen gewinnendes Lächeln geht zu Lasten des Budgetdefizits. Mittlerweile gehen Beobachter davon aus, dass der Fehlbetrag wahrscheinlich in diesem Jahr etwa acht Prozent des BIP erreichen wird. Der Etatüberhang von Staatspräsident Nicolas Sarkozy ist nunmehr zwei Drittel so groß wie der von Gordon Brown. Wie in Großbritannien werden vermutlich ausgedehnte Sparprogramme notwendig werden, um die öffentlichen Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Das deutsche BIP dürfte in diesem Jahr um fünf Prozent fallen. Deutschland ist es teilweise deshalb schlechter ergangen, weil normalerweise seine Exporte am besten abschneiden und weil die Ausfuhren fast die Hälfte des BIP ausmachen. In Frankreich, Italien und Spanien liegt dieser Anteil um rund 20 Prozentpunkte niedriger. Die Flaute im Welthandel hat Deutschland daher besonders getroffen.

Aber die anhaltende Schwäche in Osteuropa und der übermäßig starke Euro könnten eine mögliche Erholung bei den deutschen Ausfuhren und beim Wachstum im kommenden Jahr begrenzen. Die deutschen Verbraucher waren selbst in guten Zeiten schon zurückhaltend. Die Jahre der Umstrukturierung, der Lohnzurückhaltung und der sozialen Reformen sowie eine alternde Bevölkerung machen Deutschland jetzt allzu abhängig davon, dass den Konsumenten im Ausland das Geld lockerer sitzt. Und trotz der vorsichtigen Gangart von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auch das deutsche Defizit gestiegen und wird zurückgefahren werden müssen.

Und blickt man über das französisch-deutsche Herz hinaus, dann präsentiert sich die Eurozone in einem noch unglücklicheren Zustand. Was den Bauboom in Spanien als Motor für die Wirtschaft des Landes ersetzen soll, ist unklar. Irland, das nicht in der Lage ist, das Finanzierungsrisiko eines Defizits von britischem Format einzugehen, nimmt schwere Einschnitte bei den Regierungsausgaben vor. Die Verschuldung Italiens ist so miserabel, dass das Land sich keine Konjunkturanreize leisten kann.

Der gemeinsame Faden, der sich unglückseligerweise durch diese und andere Volkswirtschaften an der Eurozonen-Peripherie zieht, besteht darin, dass die Löhne und Preise in den Boom-Jahren über die in Frankreich und Deutschland hinausgeschnellt sind. Damit sind viele Volkswirtschaften in der Eurozone nicht mehr wettbewerbsfähig - und haben nicht mehr länger die Option, abzuwerten. Der einzige Weg, die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, wäre es, die Löhne und die Binnennachfrage zu beschneiden, wodurch sich die Gefahr einer Kreditdeflation erhöhen würde.

Die Erholung der Eurozone im kommenden Jahr wird schwach ausfallen, von anhaltendem Leiden begleitet werden und könnte in den Extremitäten sogar gefährlich sein.

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