Europäischer Bankensektor
Bankenverluste: Weiter geht’s!

Nach Schätzungen der EZB wird die Krise den Banken in der Eurozone bis zum Ende 2010 Verluste über 649 Mrd. Dollar bescheren. Davon wurden bisher nur 56 Prozent abgeschrieben. Die Regierungen können untätig zusehen, wie die steigenden Einbußen die Erholung verzögern, – oder sie drängen die Banken zu einer Radikalkur.
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Verschließen sich die Banken in der Eurozone der Realität? Weigern sie sich, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass sie das Schlimmste nicht hinter sich, sondern noch vor sich haben könnten? Dieser Verdacht macht sich breit und könnte neue Nahrung in einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) finden, die bis zum Ende 2010 vor weiteren Verlusten über 283 Mrd. Dollar warnt. Der EZB fehlt es an aufsichtsrechtlichen Befugnissen, so dass sie auf die implizierte Schlussfolgerung verzichtet: Die Banken sollten sich dem Problem eher früher als später widmen, indem sie Abschreibungen vornehmen und frisches Kapital sammeln.

Halt, nicht so schnell! Zunächst einmal können nackte Zahlen irreführend sein. Der Betrag von 283 Mrd. Dollar ist nur ein Bruchteil der Gesamtverluste der Banken der Eurozone über 649 Mrd. Dollar, die zwischen 2007 und 2010 bei europäischen und US-Wertpapieren und faulen Krediten zu erwarten sind. Mit anderen Worten: Von den erwarteten gesamten Rückstellungen und Abschreibungen wurden bis Ende Mai bereits 365 Mrd. Dollar bzw. 56 Prozent realisiert.

Zweitens ist der Begriff der "europäischen Banken" trügerisch. Unterschiedliche Banken haben unterschiedliche Bedürfnisse. Einige von ihnen, wie etwa die deutschen Landesbanken, müssen sich ihrem Ungemach jetzt stellen und definieren, in welchen Bereichen sie - wenn überhaupt - künftig tätig sein wollen. Andere Institute, wie etwa die spanischen, müssen sich mit einer anschwellenden Flut von Not leidenden Krediten auseinander setzen. Die größten französischen Banken halten sich gut und verbuchen immer noch Gewinne. Doch sie werden sich nicht vor den Folgen steigender Arbeitslosigkeit und einer Pleitewelle auf dem Heimatmarkt, fehlgeschlagener Übernahmefinanzierungen und vor dem Schlammassel in Osteuropa verstecken können.

Insgesamt kommt die EZB-Studie genau zur rechten Zeit, um alle Beteiligten daran zu erinnern, dass die Rezession das Bankensystem noch nicht vollständig getroffen hat. Unternehmenskredite werden mehr als ein Drittel der gesamten von der Krise verursachten Verluste zwischen 2007 und 2010 ausmachen.

Die Gefahr eines Teufelskreises ist nach wie vor und unvermindert real: Die Banken verringern angesichts der steigenden Einbußen die Kreditvergabe und sorgen so für eine Verschärfung der Rezession. Die Regierungen der Eurozone haben die Wahl. Entweder sie schauen untätig zu, wie die chinesische Wasserfolter zunehmender Verluste ihren langsamen und stetigen Lauf nimmt. Oder sie drängen die Banken zu einer Radikalkur: Dies hieße, reinen Tisch zu machen, den Schlag wegzustecken, Risikovorsorge zu betreiben und Polster aufzubauen.

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