Eurozone
Negative Energie

Im brandneuen schweizerisch-französischen Tunnel bewegen sich subatomare Teilchen so schnell wie nur irgendjemand wünschen kann. Über der Erde geht es langsamer zu. Die EU hat ihre Wachstumsprognosen gerade reduziert. Aber hier handelt es sich nicht um ein schwarzes Loch. Die Elemente, die zur wirtschaftlichen Erholung notwendig sind, könnten sich schon aufeinanderzubewegen.

In einer Ecke Europas gibt es kein Tempoproblem. Die subatomaren Teilchen bewegen sich im neu in Betrieb genommenen Large Hadron Collider (LHC) so schnell wie nur irgendjemand wünschen kann. Aber der schweizerisch-französische Tunnel bildet eine Ausnahme. Über der Erde geht es wesentlich langsamer voran.

Nach der jüngsten Wirtschaftsprognose der Europäischen Kommission vom Mittwoch ist in Europa nach dem leichten Wachstumsrückgang im zweiten Quartal auch für den Rest des Jahres nicht mehr mit einem BIP-Zuwachs zu rechnen. Verglichen mit der Frühjahrsprognose ist das ein deutlicher Rückfall. Damals rechneten Europas Wirtschaftsweise noch mit einem kontinuierlichen Wachstums von 2 Prozent über das Jahr 2008-eine höhere Wachstumsrate ist in der alternden und bereits reichen EU so gut wie unmöglich.

Man braucht keine höhere Mathematik oder Teilchenphysik, um zu erklären, warum die europäische Wirtschaft an Tempo verliert. Höhere Rohstoffpreise, schlechtere Kreditbedingungen und langsameres Wachstum in Schlüsselmärkten der Exportwirtschaft haben alle zu den Reibungsverlusten beigetragen.

Aber noch wird die europäische Wirtschaft nicht in das schwarze Loch einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale gesogen. Der Erfolg des LHC - ein 6 Milliarden Euro Hochtechnologieprojekt mit weitreichender europäischer Unterstützung - erinnert daran, dass die Region wirtschaftlich weit fortgeschritten bleibt.

Das belegen nicht nur die guten Nachrichten aus der Welt der Atomphysik. Die soziale Decke, die größte Wachstumsbremse der Region, ist definitiv dünner geworden. Die Arbeitslosenquote könnte wieder steigen, aber nur, nachdem sie zwischen 2004 und heute von durchschnittlich 9 Prozent auf 6,8 Prozent gefallen ist. Ein Rückgang, den Euro-Pessimisten für unmöglich gehalten hatten. Die Haushaltsdefizite, ein weiteres altbekanntes Problem, liegen inzwischen auch auf überwiegend akzeptablen Niveaus.

In den nächsten Monaten werden die Wirtschaftsnachrichten aus der EU wahrscheinlich schlecht bleiben. Aber die Elemente, die zu einer wirtschaftlichen Erholung beitragen könnten, sind in Sichtweite. Die Exporte könnten vom spürbaren Rückgang des Euro profitieren und der drastische Fall der Rohstoffpreise dürfte zu wieder optimistischeren Konjunkturerwartungen führen. Und auch wenn die Europäische Union dazu tendiert, die Lohnforderungen der Preisentwicklung anzupassen und damit riskiert, die Inflation anzukurbeln, bedeuten höhere Löhne doch auch die Hoffnung auf steigende Konsumausgaben.

Die europäische Wirtschaft ist jedenfalls weniger mysteriös als der universumserzeugende Urknall, zu dessen Erklärung der LHC beitragen soll. Allerdings wurden auch die Ökonomen vom Tempo des europäischen Wachstumsverlusts überrascht. Gut möglich, dass auch eine unerwartet schnelle Erholung sie wieder ratlos macht.

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