Pamela Reif

Expertenrat – Pamela Reif
Die Gefahr des schnellen Erfolgs in jungen Jahren

Schneller Erfolg in jungen Jahren kann dazu führen, dass man sich an Luxus gewöhnt und abhebt. Wichtig ist es deshalb, Bezugspersonen und Bezugspunkte zu haben, die einen auf den Boden zurückholen.
  • 0

Als ich vor ungefähr fünf Jahren das erste Foto auf Instagram gepostet habe, hätte ich im Traum nicht daran gedacht, dass sich daraus meine zukünftige Karriere entwickeln könnte. Ganz im Gegenteil – vor dem rasanten Wachstum von Instagram, YouTube und Co. war es im Allgemeinen kaum vorstellbar, allein durch Social Media bekannt zu werden und Karriere zu machen. Das ist heute anders – durch die neuen Welten, die die Plattformen eröffnen, ist es so viel leichter, sich selbst und den eigenen Content dem Rest der Welt zu präsentieren. Das bedeutet auch, dass es einfacher geworden ist, bekannt zu werden – und das auf eigene Faust in jungen Jahren. Aber was macht das eigentlich mit einer Person, wenn der Erfolg so früh und so unerwartet kommt?

Von dem ersten Bild, dass ich jemals hochgeladen habe bis hin zu der Entscheidung, vorerst nicht zu studieren, sondern mich einer Karriere als Influencerin zu widmen – für mich hat sich in den letzten Jahren seit meinem Abitur alles verändert. Und das nicht allmählich, sondern eher Schlag auf Schlag innerhalb von drei Jahren. Ein Nebeneffekt, der mit dieser schnellen Entwicklung einhergegangen ist: Ich musste sehr schnell sehr erwachsen werden und volle Verantwortung übernehmen – vor allem für mein eigenes Leben, aber auch meinen Followern gegenüber. Plötzlich muss ich mich mit Dingen auseinandersetzen, mit denen die meisten erst später im Leben in Berührung kommen: Steuererklärungen, Notartermine und Vertragsprüfungen bis hin zu unangenehmen Dingen wie Gerichtsverhandlungen und Telefonate mit Anwälten. Alles Dinge, die gar nicht direkt mit meinem Berufsfeld zu tun haben, die aber unvermeidbar werden, wenn man plötzlich selbstständig ist – und irgendwie auch plötzlich erwachsen.

Vielen, bei denen der Erfolg schnell und in jungen Jahren kam, wird nachgesagt, sie seien abgehoben – und das ist definitiv eine Gefahr, wenn plötzlich ein neuer, oft luxuriöser Lebensstil möglich wird. Manche werden deshalb zu „Diven“, verlieren schnell den Boden unter den Füßen und heben ab. Ich glaube und hoffe allerdings, dass das bei mir nicht passiert ist. Auch für mich ist dieser Lebensstil neu, genau wie der Luxus, der oftmals dazu gehört, aber ich freue mich heute noch genauso wie vor fünf Jahren, wenn ich von einer Airline ein Upgrade bekomme oder mal einen Tag lang einen persönlichen Fahrer habe. Ich weiß zu schätzen, dass ich oft einen enormen Luxus leben darf – aber ich habe deshalb trotzdem nicht verlernt, mit der Straßenbahn zum Bahnhof zu fahren und in der Economy Class in die USA zu fliegen. Diese Mischung hat meiner Meinung nach dazu beigetragen, dass ich mich in dieser Hinsicht nicht groß verändert habe.

Aber genau so, wie man manches bewusster beeinflussen kann – zum Beispiel die Bodenständigkeit – bringt der Erfolg auch Dinge mit sich, die einen zwangsläufig verändern. Eines davon ist die Art und Weise, wie man auf andere Menschen zugeht und mit ihnen umgeht. Im Laufe der Zeit, vor allem durch die Erfahrungen die man auf dem Weg macht, wird man definitiv vorsichtiger. Das Gefühl, dass jeder erst mal cool und einem wohlgesonnen ist – irgendwann verliert man diese positive, jugendliche Einstellung ein Stück weit.

Ich merke selbst, dass ich inzwischen sehr genau hinschaue, bevor ich mich auf eine Person oder eine neue Bekanntschaft einlasse und ihr vertraue. Denn im Hinterkopf sind immer Fragen, die beantwortet werden müssen: Wer hat wirklich Interesse an mir als Person? Wer nutzt mich aus? Wer ist nur nett zu mir, weil ich jetzt „jemand“ bin? Denn schlussendlich handeln Menschen meist nur zu ihrem eigenen Vorteil – was man nicht verurteilen sollte – aber man muss eben schauen, ob das in dem bestimmten Fall zusammenpasst.

Das bezieht sich nicht nur auf neue Bekanntschaften: Bei allem, was ich tue, bin ich viel bedachter als vorher. Wo einen früher höchstens die Klassenkameraden und das nächste Umfeld verurteilt hätten, schauen plötzlich drei Millionen Menschen zu. Man entwickelt eine dicke Haut und lernt, nicht allzu viel auf das zu geben, was andere sagen und denken. Man lernt, sich nur auf sich selbst zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Andererseits gibt es Bereiche, wo einem selbst die dickste Haut nur wenig hilft: Gerade bei Themen wie Liebe und Privatleben ist es schade, sich permanent rechtfertigen zu müssen und verurteilt zu werden – zumal es nun mal Dinge im Leben gibt, die sich schlichtweg nicht steuern lassen. Gerade wenn man jung ist, verspürt man manchmal den Drang, einfach den Gefühlen nach zu handeln und sich gehen zu lassen. Es entsteht also ein innerliches Hin und Her aus stets vernünftig und erwachsen zu handeln und ab und an dem Alter entsprechend alle Vorsichtsmaßnahmen fallen zu lassen.

Wie viel Erfolg will ich wirklich haben?

Ich persönlich habe auch gemerkt, dass ich mich mit der Zeit von früheren Freunden distanziert habe. Nicht, weil ich sie weniger mag, sondern weil man irgendwann realisiert, dass man in diesem neuen Lebensabschnitt ein Stück weit auf sich alleine gestellt ist. Man hat das Gefühl, dass kaum jemand den eigenen Beruf versteht, dass kaum jemand versteht, was man erlebt. Die Lebenswege sind plötzlich so verschieden. Plötzlich ist man so anders als alle, mit denen man groß geworden ist. Entweder man nimmt die Personen auf dem Lebensweg „mit“, aber das klappt leider auch nicht immer. Oder man distanziert sich eben allmählich. Ich habe inzwischen nur noch sehr wenige Menschen um mich herum – die sind aber dafür viel enger an mir dran, als jeder andere Freund aus meiner Jugend oder Kindheit. Auch meiner Familie stehe ich inzwischen näher als je zuvor. So merkt man außerdem, wer wirklich wichtig ist und wer jede Phase des Lebens, ob erfolgreich oder nicht, mit einem teilt.

Depressionen, Drogen oder Alkohol: Gerade von jungen Hollywood-Stars hört man oft, dass sie sich unter dem Druck des plötzlichen Erfolgs in ungesunde Gewohnheiten flüchten. Ich selber weiß, dass man eigentlich dauerhaft ein Stück weit überfordert ist – mit den vielen neuen Aufgaben, der Verantwortung, den Erwartungen. Und in Hollywood garantiert noch viel stärker. Wichtig ist es deshalb, Bezugspersonen und Bezugspunkte zu haben, die einen auf den Boden zurückholen. Mir persönlich hilft es, dass ein großer Teil meines Erfolgs mein gesunder Lebensstil ist, an dem ich deshalb automatisch festhalte. Alleine durch meinen Beruf bleiben Sport als Ausgleich und gesunde Ernährung für mich Prioritäten – als „positive Zwänge“ sozusagen.

All die „negativen“ Nebeneffekte, die mit dem Erfolg einhergehen, habe ich persönlich jedoch noch nie als wirklich negativ angesehen. Natürlich hat alles seine Schattenseiten. Ich habe mich allerdings noch nie ernsthaft beschwert, in der Öffentlichkeit zu stehen und mit dem Druck des Erfolgs leben zu müssen. Ich weiß, dass ich mich dafür entschieden habe und jederzeit aufhören könnte. Ich genieße es daher eher, in der Öffentlichkeit zu stehen, mit allem was dazu gehört, obwohl sicher nicht alles gut ist. Als anfangs der „Hype“ und damit der Erfolg kam, war ich dagegen aber sehr unsicher: Einerseits versucht man professionell und selbstbewusst zu sein, andererseits fühlt man sich in der neuen Rolle noch nicht so richtig wohl. Inzwischen bin ich schon viel selbstsicherer und entspannter. Ich sehe heute alles nicht mehr so eng. Was die Leute so reden, was ich poste – früher habe ich mir über alles sehr viele Gedanken gemacht. Mittlerweile denke ich mir oft, dass es eigentlich doch viel Dramatischeres auf der Welt gibt.

Dazu kommt, dass man sich selbst meistens gar nicht als so erfolgreich ansieht. Eigentlich ist es seltsam: Im Kopf weiß ich, was ich schon alles gemacht habe. Ich weiß, wofür ich die letzten fünf Jahre gearbeitet habe und kenne die Ergebnisse – mein Blog, meine Fitness-App, mein Buch und eigene Kollektionen – und trotzdem sehe ich meistens nur andere Leute, die noch mehr gemacht haben als ich selbst. Manchmal muss man sich deshalb selbst vor Augen führen, wo man im Leben steht und was man schon erreicht hat. Ich merke zum Beispiel immer erst bei Signierstunden und persönlichen Treffen mit Followern, was für eine Rolle ich im Leben vieler spiele.

Dadurch, dass man den eigenen Erfolg im Alltag teils gar nicht richtig wahrnimmt, will man in gewisser Weise immer irgendwie „mehr“. Gleichzeitig fängt man jedoch irgendwann an, sich zu fragen, wie viel Erfolg man überhaupt wirklich haben will. Will ich tatsächlich noch bekannter werden, noch mehr Follower haben, noch mehr in der Öffentlichkeit stehen? Wo soll der Weg mich noch hinführen? Ich wünsche mir, noch weiter erfolgreich zu sein und arbeite deswegen jeden Tag daran – wenn es jedoch irgendwann nicht mehr so sein sollte, darf man sich davon auch nicht zerstören lassen. Sollte der Erfolg irgendwann nachlassen, weiß ich trotzdem, was ich in den letzten fünf Jahren alles erleben und wie viel ich von der Welt sehen durfte. Und wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich – mehr oder weniger durch Zufall – momentan dieses Leben führen darf.

Pamela Reif, 21, ist Social-Media-Influencerin, Autorin und Unternehmerin. Ihre Hobbys Fitness, Mode und Beauty hat sie zum Beruf gemacht und teilt ihre Leidenschaft täglich mit ihrer Online-Community, zum Beispiel auf Instagram.

Pamela Reif
Pamela Reif
Influencerin / Social Media

Kommentare zu " Expertenrat – Pamela Reif: Die Gefahr des schnellen Erfolgs in jungen Jahren"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%