EZB
Milde Schocktherapie

Das einzige Ziel der Europäischen Zentralbank ist eine niedrige Inflation. Sie ist derzeit weit davon entfernt, dies zu erreichen. Und so hat EZB-Präsident Trichet klar gestellt, dass eine Zinserhöhung im Juli fast sicher ist. Die Anleger reagierten überrascht. Aber sie sollten einsehen: Frankfurt ist einfach nicht Washington.
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Hier kommt ein Logikrätsel. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat einen einzigen Auftrag, nämlich die Inflation unter zwei Prozent zu halten. Die Teuerung in der Eurozone liegt seit dem vergangenen November bei über drei Prozent. Die Notenbanken bekämpfen den Preisauftrieb, indem sie den Zinssatz für Tagesgeld, der derzeit in der Eurozone bei vier Prozent liegt, weit über der Inflationsrate ansiedeln. Warum also war der Markt dann so schockiert, als Jean-Claude Trichet, der Präsident der EZB, erklärte, dass eine Zinsanhebung wahrscheinlich ist?

Denn überrascht waren die Marktteilnehmer zweifellos. Der Markt hatte eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte für Anfang des kommenden Jahres eingepreist. Nach der monatlichen Pressekonferenz von Trichet reagierten die Märkte postwendend und nehmen jetzt zwei Anhebungen vorweg, wobei die erste mit fast hundertprozentiger Sicherheit für Juli erwartet wird.

Eine Antwort auf das Rätsel ist, dass der Markt nicht angenommen hatte, dass die Zentralbank derart besorgt ist. Schließlich erwarten viele Volkswirte, auch wenn die Inflationsrate von 3,6 Prozent im Mai wahrscheinlich noch nicht die Spitze war, dass der Preisdruck nachlässt, nachdem die spekulative Blase bei den Rohstoffen angestochen wurde. Aber dieser Optimismus bezieht sich auf einen Zeitraum, der erst in einem oder in zwei Jahren anbricht - das würde zeitlich dafür reichen, dass die höheren Preise von höheren Löhnen eingeholt werden, um so die erste Stufe einer Lohn-Preis-Spirale zu bilden.

Die wahrscheinlichste Erklärung für die Überraschung der Märkte ist, dass die Anleger nicht geglaubt haben, dass die EZB ihren einzigen Auftrag ernst nimmt. In der Praxis ist niemand davon ausgegangen, dass die Notenbank das Risiko eingeht, eine Rezession in der Eurozone zu provozieren, indem sie die Zinsen genau dann erhöht, wenn eine Abkühlung der Wirtschaft offenkundig wird.

Diese Interpretation der Vorgehensweise der Währungshüter ist nicht gänzlich irrational. Die Zinsen lagen schon lange deutlich unter dem Niveau, das Vertreter der reinen Anti-Inflationslehre gerne sehen würden. Die Sorgen der EZB um die wirtschaftliche Entwicklung wurden durch ihre großzügigen - und potenziell inflationär wirkenden - Liquiditätsspritzen bestätigt, seitdem die Kreditkrise im vergangenen August eingesetzt hatte.

Daher dachten die Investoren - fälschlicherweise -, die EZB sei, was die Teuerung betrifft, nur ein bisschen weniger entspannt als die US-Notenbank Federal Reserve. Die amerikanische Zentralbank soll über das Wachstum und die Beschäftigung und auch die Inflation wachen. Dieses multiple Mandat hat dazu beigetragen, dass die Fed gut damit leben kann, wenn die Inflationsrate zwei Prozentpunkte über dem Tagesgeldsatz liegt.

Die Antwort auf das Rätsel ist einfach. Der Markt liegt in seiner Finanzplatzgeographie völlig daneben. Frankfurt ist einfach nicht Washington.

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