EZB
Schluss mit dem franko-germanischen Kuhhandel

Die Amtszeit des Franzosen Jean-Claude Trichet als Chef der Europäischen Zentralbank endet 2011. Deutschland deutet schon einmal an, danach übernehmen zu wollen. Das klingt nach politischem Geben und Nehmen. Bundesbankpräsident Axel Weber ist ein guter Kandidat, aber er sollte den Posten nicht erhalten, nur weil er Deutscher ist.
  • 0

Jean-Claude Trichets Amtszeit als Präsident der Europäischen Zentralbank endet erst im Oktober 2011, aber die Spekulationen über seine Nachfolge haben bereits begonnen. Von einem deutschen Regierungsmitglied war schon andeutungsweise zu hören, dass sich ein Deutscher - wahrscheinlich Bundesbankpräsident Axel Weber - gut zum nächsten Präsidenten eignen könnte. Weber gehört sicher zu den Spitzenkandidaten für den Topjob in der Eurozone, aber es sollte nicht der Ausstellungsort seines Passes sein, der die Entscheidung maßgeblich beeinflusst.

Der Euro und die Europäische Zentralbank entstanden aus einem deutsch-französischen Kompromiss. Dem Vertag, der schließlich zur neuen Euro-Währung führte, ging ein harter politischer Kuhhandel voraus. Frankreich ließ sich auf Frankfurt am Main als Sitz der neuen EZB ein, eine Konzession, die Deutschlands Ruf als unerbittlichem Inflationswächter geschuldet war. Die Deutschen stimmten dafür zu, den französischen Zentralbankgouverneur und führenden Vertragsunterhändler Jean-Claude Trichet zu gegebener Zeit als EZB-Präsidenten zu akzeptieren.

Mit seltener und unerwarteter Klarsicht führten Europas Topmanager ein Verwaltungssystem ein, das die strikte Unabhängigkeit der EZB garantierte. Aber ein kleiner Spielraum für politische Einmischung ist dennoch geblieben. Der EZB-Präsident, der acht Jahre lang im Amt bleibt und nicht wiedergewählt werden kann, sowie fünf weitere Mitglieder des Führungsgremiums der Bank werden, zumindest theoretisch, nach dem "gemeinsamen Willen" der Staats- und Regierungschefs der Länder der Eurozone bestimmt - gegenwärtig sind das 16. Die Mitgliedsstaaten können eigene Kandidaten nominieren. Und dann kann der gute alte Kuhhandel losgehen.

Die Unabhängigkeit und Autorität der EZB könnte jedoch leiden, wenn die führenden Länder glauben, dass sie sich automatisch an ihrer Spitze abwechseln können. So früh schon den Namen Axel Weber in den Ring zu werfen, bedeutet, dass jeder andere Kandidat, wie groß seine Verdienste auch sein mögen, das Risiko läuft, als Kompromiss und Schwächling zu erscheinen.

Erfahrung, Kompetenz und Unabhängigkeit sollten die drei einzigen Kriterien sein, die die Wahl beeinflussen. Wenn sich die Regierungschefs strikt daran halten, dann werden sie feststellen, dass es nicht allzu viele Kandidaten gibt, die die Voraussetzungen erfüllen. Mit Sicherheit wird es aber mehr als einer sein.

Kommentare zu " EZB: Schluss mit dem franko-germanischen Kuhhandel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%