EZB und Bank of England
Zinsenkungen haben keine Eile

Vielleicht teilen die EZB und Bank of England die wachsenden Sorgen der Federal Reserve über die Abschwächung des Wirtschaftswachstums und die Turbulenzen an den Finanzmärkten. Aber ihre Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der Inflation. Und zumindest die EZB überwacht gegenwärtig noch ein gesünderes Wirtschaftsgefüge. Mit einer hyperaktiven Fed im Hintergrund können die europäischen Zentralbanken es sich leisten, zurückhaltend zu agieren.

Die Federal Reserve sieht große Gefahren für die Welt. In den Augen ihrer Schwesterorganisationen jenseits des Atlantiks ist die Krise weit weniger bedrohlich. Die Fed gibt kristallklar zu erkennen, wie hoch sie die Risiken einschätzt. Die Zinssenkung um 75 Basispunkte am Dienstag, nur eine Woche vor der regulären Notenbanksitzung, war eine dramatische Geste, wie sie für Situationen hoher Anspannung auf den Wirtschafts- und Finanzmärkten typisch ist. Das Ausmaß der Zinssenkung ist ebenso beeindruckend. Werden die Erwartungen am Markt erfüllt, dass die Fed die Zinsen bei ihrem Meeting um weitere 50 Basispunkte senkt, dann entsprechen die Kürzungen des Satzes für Ausleihungen über Nacht nahezu einer Halbierung des Zinses – von 5,25 Prozent auf 3 Prozent – innerhalb von nur fünf Monaten.

In Europa schätzt man die Lage anders ein. Einerseits spiegelt sich hierin eine andere Realität. In der Eurozone stiegen die Immobilienpreise weit weniger stark als in den USA, sie können daher auch nicht so tief fallen. Nimmt man Spanien und Irland aus, gab es auch keine überschäumende Baukonjunktur. Und dank des geringeren Tempos bei Finanzinnovationen präsentiert sich das europäische Bankensystem sicherer als das US-amerikanische. So rechnen Volkswirte auch lediglich mit einer Wachstumsabschwächung im Jahr 2008.

Die ökonomische Realität in Großbritannien birgt größere Probleme. Die Immobilienpreise sind zu hoch und die Wirtschaft scheint sich schnell abzuschwächen. Aber zumindest gibt es kein Überangebot bei Wohnimmobilien. Die Situation ist immerhin ernst genug, um moderate Aktivitäten zu rechtfertigen: die nächste Zinssenkung wird im Februar erwartet, weitere könnten folgen, wenn sich das Wachstumstempo weiter verlangsamt.

Auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Auffassungen bestimmen die Zentralbankpolitik. Die Bank of England und die Europäische Zentralbank haben eine sehr ähnliche Einstellung zur Inflation. Sie halten die gegenwärtigen Preisniveausteigerungen und den Inflationstrend für gefährlich hoch. Dadurch sinkt ihre Bereitschaft zu Zinssenkungen als Mittel gegen Finanzmarktprobleme. Stattdessen beschränken sie sich eher auf Liquiditätsmaßnahmen.

Sollten die US-amerikanischen Probleme auf die europäischen Wachstumsraten durchschlagen, werden die Notenbanken reagieren. Aber möglicherweise ist das gar nicht notwendig. Im globalen Finanzsystem der heutigen Zeit führen Zinssenkungen in den USA mit hoher Wahrscheinlichkeit weltweit zu positiven Wirtschaftsimpulsen. Mit einer hyperaktiven Fed im Hintergrund können die europäischen Zentralbanken es sich leisten, zurückhaltend zu agieren.

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